Fach-Tag Geschichte 2017
Ergebnisse des Fachtags Geschichte am 14.11.2017 mit dem Titel „Geschichte als Lesefach?!“
Auf den vergangenen Fachtagen wurden von TeilnehmerInnen immer wieder Schwierigkeiten beim Lesen der Texte, die Grundlage des Geschichtsunterrichts sind, angesprochen. Der Fachtag 2017 thematisierte deshalb die Fachspezifik des Textverstehens im Geschichtsunterricht sowie die Herausforderungen beim Lesen und Bearbeiten von Quellen- und Darstellungstexten.
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Nach einer Einführung von Herrn Prof. Dr. Vadim OSwalt führte Frau Prof. Dr. Saskia Handro (Münster) in ihrem Vortrag mit dem Titel ‚Geschichte als Lesefach – geschichtsdidaktische Perspektiven auf fachspezifische Leseprozesse‘ in die theoretischen Aspekte des Themas ein und stellte erste Ergebnisse einer empirische Untersuchung vor.
Sie arbeitete grundlegend heraus, dass das Lesen im Fach Geschichte mehr erfordere als die allgemeine Lesekompetenz, zu der die PISA-Ergebnissen aufgedeckt haben, dass bei vielen Schülerinnen und Schülern bereits diese nicht ausreichend ausgebildet sei. Das bildungspolitische Programm ‚Lesen in allen Fächern’ sei ein Ansatz auf die Bedürfnisse der Fächer zu reagieren, Leseförderung im Fach dürfe allerdings nicht nur als Additum betrachten. Es müsse insbesondere darum gehen, die jeweilige Fachspezifik herauszuarbeiten.
Für das Fach Geschichte – erläuterte Handro – äußere sich eine Spezifik zum einen darin, dass mit den Quellen eine Textgattung im Geschichtsunterricht gelesen werden müsse, die in anderen Fächern keine Rolle spiele. Diese Texte seien zumeist sehr komplex und erforderten spezifische Fähigkeiten im Umgang. Da Quellentexte nicht den Lesefähigkeiten der Schülerinnen und Schüler angepasst werden können, müsse es darum gehen, das selbstständige Lesen dieser Texte in besonderer Weise anzuleiten und einzuüben. Die Referentin stellte zudem anhand von Befunden zum Schulbuchverständnis dar, dass auch das Lesen von Darstellungstexten im Fach Geschichte nicht unproblematisch sei, weil es sich um hochverdichtete Text handelt. Es müsse folglich darum gehen, fachspezifische Lernwerkzeuge zur Verfügung zu stellen. Dafür müsse die Didaktik allerdings zunächst klären, wie Lernende Texte verstehen.
Aus diesem Grund sind von der Professur Didaktik der Geschichte an der Uni Münster Praxisstudien mit Schülern am Beispiel verschiedener Schulbuchtexte durchgeführt worden. Untersucht wurden die Arbeitsaufträge zur Erschließung historischer Sachverhalte, die Hinweise zur Bearbeitung verschiedener Textgattungen sowie der Einbezug von Grafiken und anderen Visualisierungshilfen. Ergebnisse dieser Untersuchungen präsentierte und erläuterte Handro. Dabei markierte sie folgende Aspekte als besonders relevant für die Planung und Durchführung von Textarbeit im Geschichtsunterricht:
- Auf der Ebene der Lexik können Wortschatzprobleme noch relativ leicht erkannt und behoben werden; schwieriger sind die Probleme auf der Satzebene, wo Kohärenzen und Bezüge sowie Textmuster erkannt werden müssen. Im Fach Geschichte müssen vor allem Zeitmarker als organisierendes System genutzt werden können.
- Bei der Einschätzung des Schwierigkeitsgrades eines Textes müssen der Abstraktionsgrad, die Informationsdichte, Leserführung und Inhaltsorganisation mitbedacht werden. Ebenso muss die Frage einbezogen werden, inwieweit Anschlüsse an die Lebenswelt oder das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler möglich sind.
- Die Lesemotivation und -bereitschaft für fachliche Texte ist entscheidend für die Ausprägung eines Selbstwirksamkeitsbildes und die Haltung zum Lesen im Fach. Diese trägt in bedeutendem Umfang zum Textverstehen bei.
- Quellentexte müssen in ihrer Alterität thematisiert werden und bei Darstellungstexten müssen der Standortbezug, die Perspektivität und der Konstruktcharakter reflektiert werden, denn diese sind in der Regel nicht offen kenntlich.
- Problematisch ist im Fach Geschichte oft, dass Alltagssprache als Fachsprache verwendet wird und damit Wortschatzprobleme nicht erkannt werden.
Einen fachunspezifischen Hilfsansatz stellt das sogenannte Scaffolding dar. Darunter wird das Bereitstellen von Hilfestellungen in lesetechnischer wie hermeneutischer Art sowie durch semantische Vorstrukturierungen verstanden.
Handro plädiert jedoch auf der Grundlage ihrer empirischen Untersuchungen dafür, Leseförderung fachspezifisch auszurichten. Dabei sollte sich die Leseförderung im Fach an den historischen Basiskonzepten orientieren. Das bedeutet, eine historische Frage muss die Erschließung unterschiedlicher Informationsschichten sowie die Gewichtung der Informationen und den Begriffsaufbau leiten. Sie belegt diese These durch die Beobachtungen beim Schülerwettbewerb, die beweisen, dass Schüler durchaus in der Lage sind, forschende Arbeitsweisen mit dem Erwerb von Lesestrategien für Quellen und Darstellungen zu verbinden. Lesestrategien gehören zu den Lernstrategien im Fach und müssen als historische Lernwerkzeuge im Geschichtsunterricht vermittelt werden.
Am Nachmittag fand eine Vertiefung des Themas in Form dreier Workshops statt.
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Dr. Peter Adamski (Kassel), ‚Historische Lesekompetenz diagnostizieren‘ Wir stellen Ihnen mit Erlaubnis des Verfassers hier seines Workshops zur Verfügung. |
Stefanie Hustedt (Gießen) |
Monika Rox-Helmer (Gießen) |
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