Expertinnen-Gespräch mit Priv.-Doz. Dr. med. Iris Schleicher - Frauen in der Medizin: Chirurgische Fächer - (k)eine Männerdomäne?
Expertinnen-Gespräch mit Priv.-Doz. Dr. med. Iris Schleicher – Frauen in der Medizin: Chirurgische Fächer - (k)eine Männerdomäne?
29.06.2026 16:15 - 17:45 Uhr
Jeder von Ihnen hat Vorstellungen von Ihrem späteren beruflichen Leben, geprägt durch Fähigkeiten und Ziele und aber auch biografische Erfahrungen und gesellschaftliche Kontexte. Die Employability-Forschung zeigt, dass Vorbilder einen nachweislichen Einfluss auf Einstellungen im Berufsleben haben. Beruf und Lebensziele sind eng miteinander verbunden.
„Frauen in der Medizin: Chirurgische Fächer - (k)eine Männerdomäne?“
Trotz des kontinuierlich steigenden Frauenanteils im Medizinstudium - über 70 Prozent im Wintersemester 23/24 im Vergleich zu 13 Prozent 1952 in der BRD - sind Ärztinnen in chirurgischen Fachrichtungen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Unter den Fachärzteanerkennungen für Orthopädie und Unfallchirurgie 2025 belief sich der Anteil der Ärztinnen lediglich auf etwa ein Drittel. Entsprechend wird die Chirurgie weiterhin häufig als „Männerdomäne“ wahrgenommen – ein Bild, das nicht nur durch traditionelle Rollenbilder, sondern auch durch strukturelle Rahmenbedingungen im klinischen Alltag geprägt ist. Diese Faktoren können dazu führen, dass sich viele qualifizierte Medizinstudentinnen und Ärztinnen frühzeitig gegen eine chirurgische Laufbahn entscheiden oder ihre Karriereambitionen nicht im gleichen Maße verwirklichen können wie ihre männlichen Kollegen. Gleichzeitig ist der Bedarf an gut ausgebildeten Chirurg*innen in der Medizin groß.
Priv.-Doz. Dr. med. Iris Schleicher ist Sektionsleiterin Fußchirurgie und Oberärztin der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin am Agaplesion Evangelisches Krankenhaus Mittelhessen in Gießen, sowie seit 2020 ärztliche Leitung des „GRIPS“ am Fachbereich Humanmedizin der JLU Gießen, Institut für hausärztliche Medizin.
Auf Grundlage ihrer langjährigen erfolgreichen Tätigkeit als orthopädische Chirurgin berichtete Dr. med. Iris Schleicher in ihrem Impulsvortrag über die Herausforderungen, denen speziell Frauen im Verlauf einer chirurgischen Laufbahn begegnen. Hierfür verknüpfte sie Entwicklungen in den chirurgischen Fächern der letzten Jahrzehnte mit Erfahrungsberichten ihrer eigenen Berufsbiografie. Deutlich wurde in ihrem Impuls, dass es ihr ein Anliegen ist, angehende Ärztinnen dazu zu ermutigen, ihre beruflichen Perspektiven in der Chirurgie selbstbewusst zu verfolgen.
Im Rahmen eines gemeinsamen Austauschs mit den rund 15 Teilnehmenden wurde nicht nur potenzielle Barrieren identifiziert, wie etwa die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber auch fehlende Vorbilder und Mentor:innen sowie hartnäckige Geschlechterstereotype. Anhand ganz konkreter Situationen des Arbeitsalltags wurden vielmehr auch Lösungsansätze und Handlungsstrategien skizziert.
Als zentrale Stellschrauben für weibliche bzw. gleichberechtigte Karrierewege in chirurgischen Fächern wurden neben der eigenen Zielklarheit, Engagement und Durchhaltevermögen auch organisationale Faktoren wie transparente Karrierewege, die Förderung durch Vorgesetzte, Coaching, Familienfreundlichkeit und Dual Career Policy sowie Unterstützung in einer Partnerschaft thematisiert. Die Teilnehmenden erhielten zudem Raum, ihre persönlichen Fragen und Gedanken zu einer Berufsperspektive und dem Arbeitsalltag als Chirurgin einzubringen. Ein besonderes Augenmerk lag während der Veranstaltung auf dem gezielten Auf- und Ausbau weiblicher Netzwerke, die oftmals gleich mehrere zentrale Funktionen für eine Laufbahngestaltung in der Chirurgie übernehmen können. In diesem Sinne beendete Dr. med. Iris Schleicher ihren Impuls mit der Take Home Message: „Gemeinsam einfach besser!“. Anknüpfend an das bekannte Zitat von Laotse „Wer sein Ziel kennt, findet den Weg“, gab sie noch ihre persönliche Interpretation mit auf den Heimweg, dass dieser nicht immer völlig geradlinig verlaufen müsse.
Für weitere Informationen zum Thema empfehlen wir zudem einen Besuch der Webseite „Die Chirurginnen e.V.“: https://chirurginnen.com/