Essen und Ernährung im Spannungsfeld - Randthemen für Studierende der Kindheitspädagogik?
01.07.2025: Einen Moment die Augen schließen - Sich in die Kindheit zurück träumen - Dann kommen die Erinnerungen - An das Waffelbacken mit der Oma, das gekochte Lieblingsessen oder das Plätzchenbacken vor Weihnachten im Kindergarten. Von Geburt an begleitet uns Essen ein Leben lang. Auch Kindertageseinrichtungen sind als erste Stufe des Bildungssystems mit verschiedenen Aspekten von Essen und Ernährung konfrontiert. Und so sind pädagogische Fachkräfte gefordert, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Mit Konzentration auf das Studium der Kindheitspädagogik in Hessen bin ich – Miriam Kördel – in meiner Masterarbeit der Frage nachgegangen, inwieweit ernährungsbezogene Inhalte curricular im Studium verankert sind und inwieweit in Lehrveranstaltungen über diese gesprochen wird.
Wissenswertes zu Beginn
Kindertageseinrichtungen haben in den letzten Jahrzenten einen Aufgabenwandel erlebt und sich zur ersten Stufe des Bildungssystems entwickelt. In diesem Kontext spielen Themen von Essen und Ernährung nun auch eine größere Rolle. Je mehr Zeit Kinder in Kindertageseinrichtungen verbringen, desto eher bzw. mehr werden sie dort auch Mahlzeiten zu sich nehmen. Entsprechend gibt es auf der einen Seite einen klaren Verpflegungsauftrag. Immerhin benennt das Kitaqualitätsgesetz eine bedarfsgerechte, ausgewogene und nachhaltige Verpflegung als ein zentrales Handlungsfeld für eine qualitativ hochwertige Kindertagesbetreuung. Auf der anderen Seite bieten sich in diesem Kontext viele Gelegenheiten, Ernährungsbildung zu verzahnen. Dies ist zum einen gewünscht, was in der Ernährungsstrategie des Bundes zum Ausdruck kommt, zum anderen ist sie in den Bildungs- und Erziehungsplänen für Kindertageseinrichtungen verankert, womit diese als Orte für Ernährungsbildung anerkannt werden.
Dies erscheint sinnvoll, denn durch hohe Betreuungsquoten können Kinder aus allen sozialen und kulturellen Kontexten erreicht und die gesundheitliche Chancengleichheit verbessert werden. Ernährungsbezogene Interventionen können das Ernährungsverhalten positiv beeinflussen - wenn einige Aspekte berücksichtigt werden. Dazu zählt unter anderem auch, dass pädagogische Fachkräfte ernährungsbezogenes Wissen und Kompetenzen benötigen, um entsprechend hochwertige Bildungsangebote zu gestalten.
Von der Ausgangslange zur Forschungsfrage
Das frühpädagogische Fachkräfte nicht immer ausreichend im Bereich Essen/ Ernährung ausgebildet sind, konnte Julia Hirsch in ihrer Dissertation „Ernährungsbezogene Bildungsarbeit in Kindertageseinrichtungen“ zeigen. So besteht ein uneinheitliches Verständnis von Ernährungsbildung und die Qualifikationen sind abhängig von dem Berufsabschluss, dem Qualifizierungsweg und dem Bundesland, in dem die berufliche Bildung erfolgt. Mit steigendem Qualifikationsniveau der pädagogischen Fachkräfte spielen ernährungsbezogene Inhalte in der Ausbildung eine immer geringere Rolle.
Da habe ich mich gefragt: Wie sieht das denn eigentlich für die Studiengänge der Kindheitspädagogik in Hessen aus? Die ersten kindheitspädagogischen Studiengänge wurden im Jahr 2004 ins Leben gerufen und seither haben sich immer weitere Angebote entwickelt. In Hessen gibt es mittlerweile sieben Studiengänge, von denen Hirsch in ihrer Dissertation jedoch nur zwei berücksichtigt hat. Entsprechend wollte ich diese genauer unter die Lupe nehmen und betrachten, inwieweit Studierende angeregt werden, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen.
Methodisches Vorgehen mit Hindernissen
Für mich war klar, dass Dozierende und Studiengangskoordinierende den besten Einblick in die Inhalte und Gestaltung der Lehre im Studienfach Kindheitspädagogik geben können, da diese sie ja letzten Endes durchführen. Dennoch habe ich mit einer Dokumentenanalyse von Modulbeschreibungen gestartet, um bereits im Vorfeld einen Eindruck zu bekommen, inwieweit ernährungsbezogene Inhalte curricular verankert sind. Denn die Modulbeschreibungen stellen für Studierenden und Dozierende letztlich eine gemeinsame Grundlage dar und halten Erwartungen und Anforderungen fest.
Da aber eben dies nur der formelle Rahmen ist und Dozierende einen Freiraum haben, Module selbst zu gestalten, reichte diese Dokumentenanalyse nicht aus und ich habe das Gespräch in qualitativen Experteninterviews gesucht. Oder besser gesagt – versucht, es zu suchen. Denn die Rekrutierung von Interviewpartner:innen gestaltete sich wirklich schwierig. Von zwölf angefragten Personen haben sich nach mehrmaligem Anfragen lediglich vier Personen für ein Interview bereit erklärt. An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich bei ihnen, denn ohne ihre Beiträge wäre mein Forschungsvorhaben gescheitert.
Mittels einer fokussierten Interviewanalyse habe ich die geführten Experteninterviews und entstandenen Transkripte systematisch betrachtet. Dabei habe ich einiges Neues in der mir doch eher fremden Disziplin der Kindheitspädagogik gelernt. Die Wortwolke, die aus meinen Interviews entstanden ist, lässt ein wenig erahnen, wie viele verschiedene Themen wir angerissen und besprochen haben.
Wie man sich vielleicht vorstellen kann, haben die Interviews mit den Expert:innen jedoch nicht nur Erkenntnisse hervorgebracht, sondern auch manche Frage unbeantwortet gelassen.
Zwischenergebnisse mit Zweifeln
Nach der Dokumentenanalyse und den vielen Interviewabsagen war ich mir nicht mehr sicher, das Forschungsvorhaben zielführend zu Ende bringen zu können. Viele haben die Interviews mit der Begründung abgesagt, dass ernährungsbezogene Inhalte nicht curricular verankert sind und dass sie sich nicht vorstellen können, dass Interviews sinnstiftend sind. Und tatsächlich konnte ich in den Modulbeschreibungen nur sehr vereinzelt Schlagworte entdecken, die einen Bezug zu Essen oder Ernährung aufweisen. Wie diese entsprechenden Module inhaltlich gestaltet sind, ging aus den vorliegenden Modulbeschreibungen nicht hervor.
Und die Realität in Lehrveranstaltungen?
Umso spannender waren die Einblicke, die mir die Expert:innen geben konnten. Denn jede:r Experte:in berichtete, dass sie in den verschiedensten Kontexten über ernährungsbezogene Themen mit Studierenden sprechen. Dabei sind die Bezüge, die hergestellt werden, sehr unterschiedlich, eher uneinheitlich und auch der Umfang und die inhaltliche Tiefe variieren. Es lässt sich darstellen, dass Essen und Ernährung Randthemen in den hessischen kindheitspädagogischen Studiengängen bleiben. Dadurch, dass sie nicht in Modulbeschreibungen und auch nicht in Orientierungsrahmen zur Studiengangsgestaltung verankert sind, besteht keine bindende Notwendigkeit, diese Themen zu behandeln. Ob über die Bildungsbereiche Essen und Ernährung gesprochen wird, hängt scheinbar davon ab, ob Lehrende diesen Themen eine Bedeutung beimessen und inwieweit sie diese mit kindheitspädagogischen Themen verknüpfen. Darüber hinaus scheint allen Expert:innen daran zu liegen, auf die Lernangelegenheiten ihrer Studierenden einzugehen, womit sie den Studierenden Mitgestaltungsmöglichkeiten einräumen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Studierenden sich auch selbst dafür einsetzen müssen, dass die Themen Essen und Ernährung inhaltlich behandelt werden.
Anspruch und Wirklichkeit – Ein Spannungsfeld
Am Ende meiner Masterarbeit mit allen Erkenntnissen aus der Recherche, der Vorbereitung, der Dokumentenanalyse, den Experteninterviews zeichnet sich für mich ein Spannungsfeld ab.
Auf der einen Seite steht der politische Anspruch, ernährungsbezogene Kompetenzen von Pädagog:innen zu stärken, wie beispielsweise in der Ernährungsstrategie beschrieben. Zum anderen geht aus den Interviews deutlich hervor, dass die Kompetenzen pädagogischer Fachkräfte für den Umgang mit der Essenssituation und für die Gestaltung der Ernährungsbildung gestärkt werden müssen. Selbst Praxisakteur:innen aus Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege wünschen sich, dass ernährungsbezogene Inhalte in die Ausbildung eingebunden werden und darüber hinaus Fortbildungsangebote entwickelt werden. Weiter geht aus der vorliegenden Arbeit hervor, dass auch Studierende der Kindheitspädagogik Interesse daran haben, über Essen und Ernährung sowohl im Kontext von Verpflegung als auch von Bildung zu sprechen. Demgegenüber steht eine uneinheitliche, unsystematische Verankerung ernährungsbezogener Inhalte im Studienfach Kindheitspädagogik an hessischen Hochschulen.
Hohe Erwartungen – Können sie erfüllt werden?
Für mich ist deutlich geworden, dass Kindheitspädagog:innen im beruflichen Alltag ernährungsbezogenes Wissen und entsprechende Kompetenzen benötigen, damit sie ihr Handeln nicht ausschließlich auf implizites Erfahrungswissen und eigene Konzepte stützen. Kindheitspädagog:innen sollen nämlich im besten Fall die Essenssituation pädagogisch, kindgerecht und ohne Zwang gestalten. Sie sollen Ernährungsbildungsgelegenheiten schaffen, an denen Kinder partizipieren und dabei Eltern und Familien in die Ernährungsbildung einbeziehen, z. B. durch die Wertschätzung und Wahrnehmung vielfältiger kultureller Essgewohnheiten. Darüber hinaus müssen sie in der Lage sein, Ernährungsthemen in der Eltern- und Bildungspartnerschaft professionell anzusprechen. Und auch persönliche Aspekte spielen eine Rolle, denn pädagogische Fachkräfte prägen durch ihre Arbeit kleine Persönlichkeiten, daher sollten sie in der Lage sein, die eigene Essbiografie zu reflektieren und die Bedeutung dieser für ihr Handeln zu erkennen.
Das sind einige Ansprüche – wie kann diesen gerecht begegnet werden, wenn in der Ausbildung diese Themen nur am Rand besprochen werden?
Offen bleibt die Frage, was es nun weiter bedarf. Sehen sich angehende und ausgebildete Kindheitspädagog:innen ausreichend auf die Erfüllung des Verpflegungsauftrages und des (Ernährungs-)Bildungsauftrages vorbereitet?
Begleiten statt aufbürden: Kindheitspädagogik und Ernährungswissenschaft zusammendenken?
Die Bildungsthemen Essen und Ernährung sollten nicht als zusätzliche Aufgabe in Kindertageseinrichtungen begriffen werden – nicht als etwas was „on top“ hinzukommt. Eine Verzahnung im Alltag und eine Verknüpfung mit weiteren kindheitspädagogischen Themen wäre wünschenswert und möglich. Spannend könnte sein, Synergien zwischen den Disziplinen der Kindheitspädagogik und den Ernährungswissenschaften zu schaffen. Denn pädagogische Fachkräfte werden sich mit diesen Themen auseinandersetzen müssen, da sie mit ihnen im beruflichen Alltag konfrontiert werden. Für die Qualität der Verpflegungssituation und Ernährungsbildung in Kindertageseinrichtungen ist es unentbehrlich, dass alle Beteiligten Wissen und Kompetenzen erlernen, diese pädagogisch zu begleiten und zu gestalten – warum also nicht an einem Strang ziehen?
Vielen Dank an Miriam Kördel (M. Sc. Ökotrophologie) für den Blogbeitrag über Ihre Masterthesis „Verankerung ernährungsbezogener Bildungsinhalte im Studienfach Kindheitspädagogik an hessischen Universitäten und Hochschulen“!