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Medizinstudierende werden kreativ: Ein Abend über Erfahrungen im Präparierkurs

Sophie Wagner, 18.12.2025

Beim Eintreten in den Veranstaltungsraum und der finalen Sitzung im Seminar „Sterben und Tod im Präparierkurs und darüber hinaus: ethisch-moralische Selbstreflexion“ wurde man von warm gedämmtem Licht und leisem Gemurmel aus den bereits gut gefüllten Sitzreihen empfangen. Die Dozentin des Seminars und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Justus-Liebig-Universität (JLU), Dr. Andrea Züger, lächelte den zuallerletzt noch eintreffenden Gästen freundlich zu, bevor sie die Tür schloss und vor die Studierenden trat: „Ich will gar nicht so viel sagen. Dieser Abend gehört Ihnen.“

Das Seminar, das Dr. Andrea Züger dieses Jahr zum zweiten Mal als Ethik-Wahlfach im Medizinstudium anbot, endete mit einem öffentlich zugänglichen Kreativabend, bei dem die Studierenden eingeladen waren, ihre Abschlussarbeiten vorzustellen: Eine künstlerische Selbstreflexion über die Erfahrungen im Präparierkurs.

Was sind die ethisch-moralischen Herausforderungen des Präparierkurses?

In den ersten Semestern eines Medizinstudiums in Deutschland finden sogenannte Präparierkurse – makroskopische Anatomiekurse – statt, in denen junge Studierende zum ersten Mal konkret mit Sterben und Tod konfrontiert werden. Im gängigen Medizinjargon wird dieser Prozess unter anderem als „Arbeiten an der Leiche“ bezeichnet. Im Kurs sollen die Studierenden anatomische Grundkenntnisse erwerben, die ihnen den menschlichen Organismus näherbringen, den sie später einmal lebend, pulsierend und atmend behandeln werden.

Als Kulturwissenschaftlerin und frisch gestartete Doktorandin am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin konnte ich in den letzten Monaten beobachten, wie Sterben und Tod zwar unweigerlich zentrale Bestandteile des Medizinstudiums darstellen, ein universitärer Rahmen für eine individuelle Auseinandersetzungen der Studierenden mit diesen Themen jedoch kaum vorhanden ist. Besonders deutlich wurde dies durch Aussagen der Medizinstudierenden selbst, etwa innerhalb der Vorlesungsreihe Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der JLU oder während des hier besprochenen Kreativabends. Dabei wurde die unzureichende Auseinandersetzung mit den ethischen Herausforderungen des Ärzt:innenberufs im Laufe des Studiums deutlich kritisiert.

Die Kritik an einer lediglich naturwissenschaftlichen Herangehensweise in der Medizin, die den kranken Körper von den Sorgen und Bedürfnissen der Patient:innen trennt, ist nicht neu, (siehe hier) und wird durch eine seit Jahren gesteigerte Wirtschaftsorientiertheit innerhalb medizinischer Institutionen verstärkt. Vor diesem Hintergrund erfährt der Präparierkurs eine besondere Bedeutung: Im vorklinischen Abschnitt des Medizinstudiums markiert dieser für viele Studierende die erste direkte Begegnung mit dem menschlichen Körper und dadurch einen zentralen Moment, in dem professionelle Distanz vermittelt werden soll. Neben dem Erwerb anatomischer Kenntnisse besteht zugleich die signifikante ethisch-moralische Herausforderung für die Studierenden, den Menschen hinter dem Körper weiterhin wahrzunehmen und Empathie zu bewahren. Der erste Kontakt mit einer Leiche kann allerdings trotz aller Professionalisierungsbemühung schwer sein, wodurch viele Studierende nicht nur von fachlichem Lernen berichten, sondern den Präparierkurs als persönliche Grenzerfahrung kategorisieren. Nichtsdestotrotz werden diesen komplexen Erfahrungen und den darin zugrundliegenden Machtstrukturen zwischen Ärzt:innen und Patient:innen im heutigen Medizinstudium kaum bis gar keine Berücksichtigung geschenkt.

Die Dozierenden am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin sind sich sehr einig, dass eine kritische Besprechung von Erfahrungen wie im Präparierkurs im Medizinstudium gefördert werden muss, um medizinethisches Handeln, in dessen Mittelpunkt der Mensch bzw. die Menschlichkeit steht, gesellschaftsübergreifend zu etablieren. Hierfür einen Reflexionsraum zu schaffen, in dem eine künstlerische Auseinandersetzung mit potenziellen Grenzerfahrungen stattfinden kann, ist der Kerngedanke hinter Dr. Andrea Zügers Seminar.

Wieso Kunst und Kreativität?

Die künstlerische Auseinandersetzung mit Erfahrungen in der Medizin bietet nicht nur einen reflexiven Ansatz, der eine ausschließlich positivistische Herangehensweise des Medizinberufs hinterfragt, sondern ist bereits anhand vielversprechender Forschungsfelder, wie den Medical Humanities oder der Narrative Medicine, universitär etabliert.

Wenn Kunst Medizin reflektiert

Eine von den Studierenden häufig gewählte Form der Reflexion war der Erfahrungsbericht. So verglich eine Studierende das Säubern einer leeren Brusthöhle damit, wie sie ihr Waschbecken reinigt, um sich gedanklich von dem Prozess zu distanzieren, dass dort ein Mensch vor ihr lag. Sie berichtete von Ähnlichkeiten der beiden Handlungen und von ihrer eigenen Irritation, diese überhaupt miteinander zu vergleichen. Sie beschrieb aber auch ihre Dankbarkeit, denn durch diese Körperspende könnten die Studierenden Dinge lernen, die „kein Lehrbuch vermitteln kann“. Für Nicht-Mediziner:innen mag dies vielleicht zunächst befremdlich wirken, doch bei näherer Betrachtung erscheint es durchaus naheliegend, den Präparierkurs anhand von Alltagsvorgängen zu reflektieren und zu verarbeiten. Oft befinden sich Medizinstudierende stundenlang im Präpariersaal und arbeiten sich über Wochen und Monate hinweg wahrhaftig und Stück für Stück, durch Haut, Muskelschichten und bis zu Organen vor. Ein anderer Erfahrungsbericht sprach von dem abgedeckten Gesicht des Präparats, das erst in dem Moment von dem Stück Stoff, das über Wochen auf dem Kopf lag, befreit wurde, als es Zeit war, das Gesicht und Gehirn zu präparieren:

„Bei dem Gesicht?
Da bleiben wir vorsichtig
Das Gesicht bleibt uns das Fremdeste, selbst wenn wir alles freigelegt haben.“

Eine andere Studierende schrieb einen Brief an den von ihr präparierten Körperspender und gab ihm einen Namen. Andere trugen Gedichte vor und boten aufwendige und packende Darbietungen. Es wurden länderübergreifende Unterschiede innerhalb von Präparierkursen aufgezeigt, Erfahrungen aus Rettungsdienst und Präparierkurs miteinander verglichen und über menschliche Bedürfnisse der Medizinstudierenden während des Präparierens berichtet: „Darf ich über Mittagessen nachdenken?“ Es wurde auch von Erfahrungen mit Sterben und Tod im Privaten und außerhalb des Kurses erzählt. Es wurden Texte vorgetragen, die versuchten, Begriffen wie Präparat und Körperspender durch Menschlichkeit und Respekt einen Sinn zu verleihen. Erfahrungen aus dem Präparierkurs wurden visualisiert, da ein künstlerisch wohl durchdachtes Bild für manche mehr ausdrückt als Worte es können. Eine Studierende modellierte ein Herz und ein Gehirn und platzierte die beiden Tonkonstrukte auf einer Waage mit der Frage: „Was von beiden leitet unser Handeln als Ärzt:innen?“

Kleines Fazit

Als Gast des Kreativabends des Wahlfachs „Sterben und Tod“ konnten mir die Beiträge der Studierenden vermitteln, dass der Präparierkurs zu Beginn eines jeden Medizinstudiums nicht nur Lern-, sondern eindeutig auch Grenzerfahrung sein kann. Jeder einzelne Beitrag an dem Abend beinhaltete eine kritische Reflexion und, mancher mehr als anderer, eine gewisse Schwere gegenüber den dort gemachten Erfahrungen, sodass die Frage gestellt werden muss, warum derartige Reflexionsseminare noch nicht Teil des standardisierten Medizincurriculums sind. Die Studierenden haben ein Recht auf eine organisierte Reflexion, die der so häufigen Sprachlosigkeit und Verdrängung von Grenzerfahrungen in der Medizin, und vor allem innerhalb ihres Studiums, entschieden entgegentritt. Dies sollte in einem sicheren Raum an Universitäten bearbeitet und gewährleistet werden können. Indes fördert ein Seminar, wie es von Dr. Andrea Züger organisiert wird, das Bewusstsein dafür, dass Grenzerfahrungen in Medizin und Medizinstudium keine Einzelheit sind und eine frühe gemeinschaftliche Auseinandersetzung von Medizinstudierenden mit Sterben und Tod eine spätere ethisch-moralische Sensibilität und Haltung gegenüber Patient:innen im oft so schwierigen Medizinalltag fördern kann.

Hinweis zur Autorin: Sophie Wagner ist Doktorandin am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Stipendiatin des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der JLU-Gießen.

Wagner, Sophie. Medizinstudierende werden kreativ: Ein Abend über Erfahrungen im Präparierkurs, Uncovering Medicine, 2025/12/18, online: https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb11/institute/histor/blog/praeparierkurs; https://doi.org/10.22029/jlupub-20501