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Filmreihe: (Anti-)Kolonialismus auf der Leinwand

Das GK Transnationale Medienereignisse veranstaltet im Wintersemester eine Filmreihe zum Thema 'Das Ende der Kolonialreiche – (Anti-)Kolonialismus auf der Leinwand'

Die dritte Welle der Dekolonisation und die damit verbundene sukzessive und oft gewaltsame Auflösung der globalen Kolonialreiche zählt zu den folgenschwersten Prozessen des 20. Jahrhunderts. In ihrer Kernphase, beginnend mit der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 und endend mit dem Rückzug Portugals aus seinen zentralafrikanischen Kolonien im Jahr 1975, entstanden weltweit über 100 neue Staaten. Damit veränderten sich radikal die Lebenswelten von Millionen Menschen, die sich in neu gegründeten (National-)Staaten wieder fanden, deren Grenzen von den Kolonialmächten mit dem Lineal und oftmals willkürlich gezogen wurden. Gleichzeitig sahen sich die neuen Eliten vor die Herausforderungen gestellt, die Versprechen des antikolonialen Kampfes nach Entwicklung und Wohlstand unter extrem ungünstigen Rahmenbedingungen einzulösen; ein Unterfangen, das oftmals in Zwangsmaßnahmen und Gewaltaktionen gegen die eigene Bevölkerung ausartete. Auf der anderen Seite mussten auch die Gesellschaften der ehemaligen Kolonialmächte ihr Selbstverständnis und ihre Stellung in der Welt neu austarieren. Sie mussten den ‚Verlust’ der Kolonien deuten und mit Sinn versehen, die oftmals blutigen Kolonialkriege beispielsweise in Indochina oder Algerien und deren Folgen verarbeiten und Rückkehrer aus den Kolonien integrieren was oftmals umfangreiche Debatten über das Selbstverständnis und die Identität der jeweiligen Nation nach sich zog.

Die Film- und Vortragsreihe „Das Ende der Kolonialreiche – (Anti-)Kolonialismus auf der Leinwand“ will durch Vorträge und gezeigte Filme ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Kolonialismus, Antikolonialismus und Dekolonisierung von enormer Bedeutung für die Zeitgeschichte sind und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft entscheidend prägten und bis heute prägen. Darüber hinaus sollen die vorgestellten Filme daraufhin befragt werden, inwieweit sie mit ihrer Ästhetik und ihren Aussagen in den politischen Diskurs und/oder die Erinnerungs- und Geschichtspolitik eingreifen, welcher die Auflösung der Kolonialreiche begleitete. Speziell soll das Augenmerk darauf gelegt werden, wie sie u.a. die europäische Kolonialherrschaft und antikoloniale Unabhängigkeitsbewegungen bewerten, den Verlauf derDekolonisation erklären, die oftmals komplexen und extrem gewaltsamen Ereignisse und Entwicklungen der Dekolonisation narrativ strukturieren und inwiefern auf koloniale Kontinuitäten in der post-kolonialen Weltordnung Bezug genommen wird. Des weiteren soll nach den Filmproduzenten, nach den filmischen Traditionen, nach dem Publikum und der Rezeption der jeweiligen Filme gefragt werden, die nicht selten große Skandale und umfangreiche gesellschaftliche Debatten auslösten. Zudem wird kritisch reflektiert, inwiefern und warum selbst manche dezidiert kolonialkritische Filme der Gefahr erliegen, koloniale und neo-koloniale Narrative zu reproduzieren anstatt sie radikal zu unterlaufen?

 

Die Filmvorführungen finden im Wintersemester an jedem zweiten Dienstag ab 18.30 Uhr im großen Hörsaal der Alten UB in der Bismarckstraße 37 statt. Der Eintritt ist frei.

 

Programm:

18. Oktober 2011

Sogar der Regen (Icíar Bollaín, Mexiko/Spanien/Frankreich 2010)

Einführung: Christoph Pasour

Ein spanisches Filmteam arbeitet an einem Spielfilm über die Schrecken der spanischen Kolonialherrschaft in Amerika. Regisseur Sebastián will den Kolumbus-Mythos gegen den Strich bürsten: Mit Christoph Kolumbus Entdeckung der Insel Hispaniola beginnt keine Heldengeschichte, sondern ein endloses Drama von Kampf, Unterdrückung und Völkermord. Dem Widerstand der Indios und Widerspruch weniger mutiger Spanier gegen die Ausbeutung will Sebastían eine Stimme geben. Allerdings dreht das Filmteam nicht unter karibischen Palmen, sondern in 3000 Meter Höhe, im bolivianischen Hochland. Produzent Costa hat im ärmsten Land Südamerikas einmalig günstige Produktionsbedingungen herausgeschlagen. Indios sind hier billig und willig. Doch unvermittelt stolpert das Projekt in heftige Auseinandersetzungen der indigenen Bevölkerung mit der Regierung in La Paz und ausländischen Großkonzernen. Die Wasserversorgung wird privatisiert, die Ärmsten fürchten um ihre Existenz. Das Heer billiger Indio-Statisten wird dem Filmprojekt zur Bedrohung. Als die Auseinandersetzungen das Land an den Rand des Bürgerkriegs bringen wird auch das Filmteam gewaltsam aus seiner Filmrealität gerissen. Icíar Bollaíns Festivalerfolg „También la lluvia“ wurde von Publikum und Kritikern gefeiert und ist einer der wenigen aktuellen Filme, der post-koloniale Verhältnisse thematisiert. Vor dem Hintergrund des sogenannten „Wasserkrieges“ im bolivianischen Cochabamba im Jahr 2000 hat Drehbuchautor Paul Laverty ein intelligentes Stück über die komplexe Beziehung zwischen Ex-Kolonien und Ex-Kolonialisten geschrieben, die eine einfach wie verzwickte Wahrheit vermittelt: Die Macht der Ökonomie überführt Solidarität und guten Absichten unvermeidlich der Lüge. Sie hält Ex-Kolonien und Ex-Kolonialisten über alle Freiheitskämpfe hinweg in unveränderten Verhältnis zueinander. Doch Laverty wäre kein treuer Weggefährt von Ken Loach, wenn es nicht Hoffnung auf einen Ausweg gäbe.

 

15. November 2011

Apocalypse now! (Francis Ford Coppola, USA/Vietnam 1979)

Einführung: Marian Kaiser

Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ brachte im Jahr 1979 Fragen nach der Kolonialisierung der inneren und äußeren Fremde auf den technischen und politischen Stand der Zeit. Die Filmbilder aus dem vietnamesischen Dschungel übersetzen die Geschichten aus dem ‚inneren Afrika‘ der Romanvorlage Joseph Conrads und aus Zeiten von englischem Imperialismus und Wiener Psychoanalyse in das ‚finstere Herz‘ eines amerikanischen Kampfes um die Kolonialisierung, die Eroberung und den Verlust seiner innersten und äußersten Regionen. Die Bilder des Films referieren damit fünf Jahre nach Ende des Vietnamkriegs auch auf eine Politik- und Gegenpolitik der Bilder, deren Auswirkungen Neil Young rückblickend und in vier Akkorden zusammenfasste: „Take the simple case of the Sergeant, who would’t go back to war, ‘cause the Hippies tore down everything that he was fighting for.“

 

29. November 2011

Der lachende Mann – Bekenntnisse eines Mörders (Walter Heynowski & Gerhard Scheumann, BRD/DDR/Kongo 1965)

Einführung: Jürgen Dinkel

„Der lachende Mann – Bekenntnisse eines Mörders“ ist einer der meist diskutieren Dokumentarfilme der 1960er Jahre. In einem knapp 70-minütigem Interview lassen die bekannten ostdeutschen Filmemacher Walter Heynowski und Gerhard Scheumann ihren Gegenüber Siegfried Müller (*1920), genannt „Kongo-Müller“ ausführlich zu Wort kommen. Über eine Stunde schwadroniert und räsoniert einer der berüchtigtsten Söldner jener Jahre über seine Erfahrungen als Soldat in der Wehrmacht und im Kongo, über den Sinn von Gewalt im (post-)kolonialen Kontext und über seine konkreten „Tätigkeiten“ im Kongo.

Die Dokumentation beleuchtet den Verlauf der Dekolonisation im Kongo nicht wie so oft, aus der Perspektive von Regierenden, sondern aus der Perspektive eines (ausländischen) Söldners. Dadurch erhält der Zuschauer Einblicke in die Gedankenwelt und das Selbstverständnis eines „Kriegers des Westens“ (S. Müller) während der kolonialen Unabhängigkeitskriege und zugleich werden die Probleme der postkolonialen Staatsbildung thematisiert. Der Film ist ein außergewöhnliches Zeitdokument der 1960er Jahre, der den Zuschauer ohne große Showeffekte nur mit dem ständig lächelnden Müller (daher der Titel des Filmes) und dessen Aussagen in den Bann zieht und sowohl bei den Zeitgenossen als auch heute noch Schaudern und Nachdenken auslöst.

 

13. Dezember 2011

Africa Addio (Gualtiero Jacopetti & Franco Prosperi, Italien/Kenia 1966)

Einführung: Kai Nowak

Ein Polizeigroßeinsatz, unzählige zerschlitzte Kinosessel, rund 25.000 DM Schaden: Das ist die Bilanz der Berliner Premiere von „Africa Addio“ im August 1966. Studenten des SDS und des Afrikanischen Studentenbunds warfen dem Film „Rassenhetze“, Verherrlichung des Kolonialismus und die Denunziation der Befreiungsbewegungen Afrikas vor und trugen ihren Protest in den Kinosaal hinein. Dabei hatte die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden den Film noch mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgestattet.

„Africa Addio“, der nicht nur in Deutschland einen Filmskandal verursachte, wusste zu polarisieren: Der dem Mondo-Genre zuzurechnende Film zeigt das postkoloniale Afrika als Ort des Chaos und des Todes. Die Afrikaner, letztlich kaum mehr als unzivilisierte Wilde, seien nicht in der Lage, ein geordnetes Staatswesen aufzubauen – eine These, die der Film, durch Montage, Kamera und Ton immer wieder suggeriert, etwa durch die Gegenüberstellung von ekstatisch trommelnden und tanzenden Kenianern und disziplinierten wie fleißigen ehemaligen Kolonialherren. Dabei setzen die italienischen Regisseure Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi, ganz wie es sich für ein Mondo bzw. „Shockumentary“ gehört, auf eine misanthrope Grundhaltung und eine Mischung aus dokumentarischem Reportagestil, schönen Natur- und Tieraufnahmen, durchaus humoristischen Szenen und eine Reihe von brutalen, schwer erträglichen Bildern von Tierquälereien, Massakern und Hinrichtungen. Ob authentisch oder nicht – „Africa Addio“ inszeniert sich als wehmütiger und defätistischer Abschiedsgruß an die Kolonialzeit und erklärt den afrikanischen Kontinent als dem Untergang geweiht.

 

10. Januar 2012

Burn! (Gillo Pontecorvo, Italien/Frankreich 1969)

Einführung: Raphael Hörmann

Anfang des 19. Jahrhunderts wird der politische Abenteurer William Walker von der britischen Regierung auf die fiktive portugiesische Karibikinsel Queimada entsandt. Sein Auftrag: eine Sklavenrevolte anzuzetteln, um das portugiesische Kolonialregime zu stürzen und eine formal unabhängige großbritannienfreundliche Puppenregierung einzusetzen. Der Plan scheint aufzugehen, doch dann beschließen die Ex-Sklaven weiter für ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen.

Pontecorvos Film, welcher die Geschichten verschiedener historische Sklavenaufstände in der Karibik miteinander verwebt, verbindet diese historischen Narrative mit einer zugleich zeitgenössischen (für die 1960er Jahre) und überzeitlichen Aussage: dass wahre Freiheit und Unabhängigkeit, die Befreiung vom (Neo)-Kolonialismus nur auf revolutionären Wege zu erreichen sei. Mit Marlon Brando in der Rolle von William Walker, dem kolumbianischen Laienschauspieler Evaristo Márquez als der dem Sklavenrevolutionär José Dolores und einem Soundtrack von Ennio Morricone versucht der Film den Befreiungskampf der Sklaven auch ästhetisch überzeugend zu repräsentieren. Es stellt sich jedoch die Frage, ob „Burn!“ – trotz seiner eindeutig anti-kolonialen und anti-imperialistischen Stoßrichtung – in der Darstellung der revolutionären Sklaven und Sklavinnen europäische Rassenstereotypen weiter schreibt?

 

24. Januar 2012

Bloody Sunday (Paul Greengrass, GB 2002)

Einführung: Ulrike Heine

Der halbdokumentarische Film erzählt die Geschichte des nordirischen „Blutsonntags“: Am 30. Januar 1972 werden bei einer Demonstration in den Straßen von (London) Derry 27 Menschen von britischen Soldaten niedergeschossen, davon 14 tödlich verwundet. Das Ereignis führte in der Nachfolge zu einer wesentlichen Verschärfung des Nordirlandkonfliktes. Die Frage nach der Rechtfertigung des Vorgehens der britischen Armee wurde in der großbritannischen Öffentlichkeit lange ausgeblendet. Die zunächst entlastende Untersuchung durch Lord Widgery wurde von vielen Augenzeugen dementiert, aber erst 2010 durch den Saville-Report revidiert. Dieser kommt zu dem Schluss, dass britische Soldaten das Feuer auf die unbewaffneten Demonstranten eröffnet haben. Anlässlich der Veröffentlichung des Berichts und im Namen der britischen Regierung wandte sich Premierminister David Cameron mit der Bitte um Verzeihung an die Angehörigen der Opfer.

Paul Greengrass’ Film setzt am Vorabend des „Bloody Sunday“ ein und begleitet Ivan Cooper, ein nordirischer Bürgerrechtler und Organisator der Demonstration. Unter Einbeziehung der neuen Erkenntnisse, die im Zuge des Saville-Reports gewonnen wurden, konzentriert sich das Filmgeschehen auf die Entwicklung der Ereignisse an jenem Sonntag. In ultra-realistischen Bildern wechselt Greengrass die Perspektive immer wieder zwischen den beteiligten Gruppen und entspinnt so eine verstörende Gewaltspirale.

 

7. Februar 2012

Heia Safari! (Ralf Giordano, 1966)

Rider without a horse (Tim Huebschle, Namibia 2008)

Einführung: Heiko Wegmann

Im Oktober 1966 wurde zur besten Sendezeit in der ARD die zweiteilige TV-Dokumentation "Heia Safari" von Ralf Giordano ausgestrahlt. Dabei handelte es sich um eine scharfe Anklage der deutschen Kolonialvergangenheit, vor allem aber der aktuell vorherrschenden Legende von der deutschen Kolonialidylle. Der Film war laut Giordano eine Reaktion auf die Beerdigung von Paul von Lettow-Vorbeck im Jahre 1964. Der Bundesverteidigungsminister von Hassel hatte bei dieser Gelegenheit den - heutzutage äußerst umstrittenen - Kolonialgeneral als großes Vorbild erklärt. Auf die beiden 45-minütigen Teile gab es derartig heftige Reaktionen meist ablehnender Art, dass der WDR im Dezember eine zweistündige Ergänzungssendung aufnahm, in der Experten und entzürnte, meist recht betagte männliche Kritiker zu Wort kamen. Vorgeführt werden der erste Doku-Teil und ein Ausschnitt aus der Diskussionsrunde.

Den völlig anderen Weg einer 'postkolonialen Begegnung' beschritt der junge namibische Filmemacher Tim Huebschle mit seinem Kurzfilm "Reiter ohne Pferd" (12 min.). Der metallene Schutztruppler, der seit 1912 als zentrales Monument der deutschen Kolonialherrschaft über der Hauptstadt Windhoek thront, wird am namibischen Unabhängigkeitstag lebendig. Er läuft durch eine Stadt, wie er sie sich wohl nie vorstellen konnte und muss sich zu der neuen Realität deutsch-namibischer Beziehungen verhalten.

 

Kontakt & Organisation:

Jürgen Dinkel & Raphael Hörmann, GK Transnationale Medienereignisse

Otto-Behaghel-Straße 10 C1, 35394 Gießen

E-Mail: Juergen.Dinkel(at)gcsc.uni-giessen.de, Raphael.Hoermann(at)geschichte.uni-giessen.de