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Zwischen Erinnerung und Heilsvermittlung. Visualität und Medialität der mittelalterlichen Pilgerzeichen aus Aachen und Canterbury

 

Abgeschlossenes Promotionsprojekt von Carolin Rinn

 

Ampulle aus Canterbury, Museum of London
Ampulle aus Canterbury, Museum of London

Mittelalterliche Pilgerzeichen waren ein Massenprodukt. Eng mit dem rasanten Aufschwung des Pilgerwesens seit dem 12. Jahrhundert bis ins Spätmittelalter verknüpft, wurden sie zu Tausenden von Pilgern als religiöse Andenken an die Wallfahrt, den besuchten Gnadenort sowie die vor Ort verehrten Heiligen und Reliquien erworben. Mit der Anbringung auf Kleidung, Tasche oder Hut des Pilgers und die damit einhergehende weite und in einigen Fällen quantitativ hohe Verbreitung der Pilgerzeichen waren sie ein massenwirksames Bildmedium, welches die kollektive Sicht auf den Wallfahrtsort mitbeeinflusste. Zum anderen wiesen sie ihren Träger als Teil einer Gruppe von Gläubigen aus, welche unter dem besonderen Schutz der katholischen Kirche stand und in der sich das Ideal eines gläubigen und gottgefälligen Lebens verkörperte.

 

Trotz ihrer geringen Größe weisen die Pilgerzeichen eine erkennbar ortsspezifische Gestaltung auf, welche in der visuellen Umsetzung die charakteristischen Erkennungsmerkmale des Kultortes bzw. -objekts durch den Bezug auf andere (Bild-)Medien des Ortes herausstellt. Die Ausstattung der Kirche, Gnadenbilder, Reliquiare, aber auch Rituale wurden im Medium des Pilgerzeichens aufgenommen, reflektiert und verdichtet.

 

Rinn_Zwischen Erinnerung und Heilsvermittlung

 

 

Die Dissertation "Zwischen Erinnerung und Heilsvermittlung" widmet sich diesen intermedialen Bezügen anhand zweier konkreter Fallbeispiele: Aachen und Canterbury. Die Heiligsprechung Karls des Großen 1165 sowie die seit dem frühen 14. Jahrhundert stattfindende öffentliche Weisung der vier großen Heiligtümer Aachens, darunter das Gewand Mariens, machten Aachen zu einem der größten und wichtigsten Wallfahrtsorte. Diese besondere Verbindung von Marien- und Karlskult schlägt sich auch in einigen Pilgerzeichen nieder, deren sehr komplexe Kompositionen auf vielfältige Weise ineinandergreifen. In Canterbury wiederum wurden Pilgerzeichen nicht nur als Plaketten, sondern auch in Form von Ampullen hergestellt. Beruhend auf der spezifischen Verehrungspraxis vor Ort waren sie ein Behälter für das wunderwirkende und mit dem Blut des Märtyrers Thomas Becket angereicherte Wasser. Bereits seit dem frühen Christentum zu Beginn der Pilgerreisen wurden Heil und Authentizität eines Ortes traditionell durch originale Substanzen von eben jenem Ort gewährleistet, wie Staub oder Öl der Märtyrergräber. Durch die Form des Pilgerzeichens als Ampulle wurde die Funktion beansprucht, potentieller Träger solcher Substanzen zu sein. Eingebunden in das mittelalterliche Konzept von Heilsvermittlung transportieren Pilgerzeichen somit die Autorität des Gnadenortes und die heilskräftige Präsenz seiner Heiligen. Folglich waren Pilgerzeichen gleichermaßen Bildträger wie Speicher von Heils- und Segenskräften.

 

Gerade dieses - von der Forschung bislang wenig beachtete - Spannungsverhältnis zwischen Visualität und Medialität ist in Bezug auf den aktiven Umgang mit den Pilgerzeichen von zentraler Bedeutung, ohne welches ihre Funktion und Bedeutung nicht nachvollziehbar sind. Zwischen sichtbarem Erinnerungszeichen und Heilsträger oszillierend, reflektieren sie als ein Phänomen der Alltagskultur grundsätzlich das spätmittelalterliche Verständnis von Erinnerung und Medialität: Erinnerung in ihrer identitätsstiftenden Funktion für Wallfahrtsorte, aber auch in ihrer religiösen Funktion des Gedenkens und Betens an Heilige und deren Fürsprache um Erlösung; Medialität als zunehmend an materielle Objekte geknüpfte Vermittlung, Verfügbarkeit und Verbreitung von Heil. Durch eine exemplarisch angelegte, systematische Analyse wurden hier Erkenntnisse über die Art und Weise gewonnen, wie diese Komponenten die unterschiedlichen Funktionen der Pilgerzeichen ermöglichen und unterstützen.

 

 

 

Carolin Rinns 2018 an der JLU angenommene Disseration ist als 12. Band der renommierten Reihe "Europäische Wallfahrtsstudien" erschienen. Gefördert wurde ihre Promotion durch ein Graduiertenstipendium und Abschlussstipendium zur Chancengleichheit der JLU und die Stiftung "Besinnung und Ordnung" in Zürich.

 

Im Juli 2021 hat sie mit Ann Marie Rasmussen von der kanadischen University of Waterloo innerhalb des Projekts Medieval Badges über ihre Dissertation gesprochen. Das Interview finden Sie hier.

 

Monographie

 

 

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