Der Kampf um die Nische: die Verbalpräfixe ent- und er- in diachroner Betrachtung
03.11.2023
Autor:innen: Karolin Schäfer & Marcel Linnenkohl
Arbeitsgespräch zur historischen Lexikographie, ausgerichtet von der Arbeitsstelle des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs Trier, Marienburg/Bullay an der Mosel, 28.-30. April 2023
Zum Anlass des diesjährigen Arbeitsgesprächs zur historischen Lexikographie bekamen wir Gelegenheit, zwei kleinere Forschungsprojekte aus dem Bereich der Verbalpräfixe zusammen- und fortzuführen. Ausgehend von jeweils einer Seminararbeit zu den signifikativ-semantischen Nischen der Verbalpräfixe ent- und er- im Gegenwartsdeutschen sollten die dortigen Erkenntnisse mithilfe von Korpusdaten diachron für die folgenden Sprachstufen in Betrachtung genommen werden: Gegenwartsdeutsch; Neuhochdeutsch; Frühneuhochdeutsch; Mittelhochdeutsch.
Der Begriff der semantischen „Nische“ geht auf Kurt Baldingers Forschung zu Suffixen im Französischen zurück (vgl. Baldinger 1950); in neueren Publikationen, insbesondere Grammatiken, lassen sich neben anderen auch die Bezeichnungen „Funktionsklasse“ (z.B. Mhd. Grammatik, 2009) und „funktional-semantische Klasse“ (z.B. Fleischer/Barz 2012) finden. Nach Baldinger bezieht sich der Begriff auf eine kollektive Funktion, auf den „durch das Suffix dem Grundwort verliehene[n] kollektive[n] Gedanke[n]“ (Baldinger 1950, S. 279). Hierbei sei es sogar eher selten, dass „ein Suffix eine semantische Funktion ungestört behauptet“ (ebd., S. 243, Herv. i. O.). Dagobert Höllein ergänzt Baldingers Ausführungen darum, dass Nischen jeweils „eine relativ klar umrissene Bedeutung“ (Höllein 2019, S. 77) hätten, als deren Träger der sprachliche Ausdruck fungiere. Während es einerseits semantische Nischen gebe, in denen Suffixe jeweils „beinahe unangefochten bleiben [können]“ (Baldinger 1950, S. 247), fällt bei Baldinger andererseits auch der Begriff des „Konkurrenzkampf[es]“ mehrerer sich semantisch überlappender Suffixe um den Fortbestand bzw. vielmehr die Dominanz innerhalb der gemeinsam überdachten Nische (vgl. ebd., S. 245). Es könnten nämlich, erläutern auch Klein, Solms und Wegera in der Mittelhochdeutschen Grammatik (2009, S. 387), „[i]n den einzelnen Funktionsklassen […] mehrere Präfixe konvergieren“, und zum Teil seien „konkurrente Bildungen belegt“ – Bildungen also, die „innerhalb eines gleichen Zeitraumes […] mit gleicher Basis und unterschiedlichem Affix“ für dieselbe Funktionsklasse belegt seien (ebd.).
Das methodische Vorgehen im Rahmen unserer Forschungsarbeiten, die sich vorerst nur mit dem Gegenwartsdeutschen beschäftigten, bestand in Anlehnung an Höllein 2019 aus den folgenden fünf Schritten:
Zunächst extrahierten wir aus dem DeReKo Belege von mit ent- bzw. er- präfigierten Verben. Um die Belegzahl in einem überschaubaren Rahmen zu halten, beschränkten wir uns auf das grammatisch annotierte TAGGED-T2-Korpus der Zeit (zeit – Die Zeit, Januar 2010 – Juli 2014) und extrahierten aus diesem nur die Infinitivformen mit dem jeweiligen Präfix. Die Suchanfragen lauteten „ent* /w0 MORPH(VRB inf)“ und „er* /w0 MORPH(VRB inf)“.
Diese Belege clusterten wir dann anhand von Bedeutungsgemeinsamkeiten zunächst intuitiv, dann auch unter Zuhilfenahme der Forschungsliteratur (v.a. Pfeifer 2010; Fleischer/Barz 2012) in mehrere Gruppen (= Nischen). Wichtig war dabei, dass diese Bedeutungsgemeinsamkeiten nicht in der endgültigen Bedeutung des Präfixverbs bestanden, sondern darin, wie das jeweilige Präfix die Basis modifiziert.
Diese Gruppen benannten wir anschließend. Dabei orientierten wir uns weitgehend – so sich die Bedeutung von Funktionsklasse und ‚erclusterter‘ Nische ausreichend deckten – an der bisherigen Forschungsliteratur zu Funktionsklassen präfigierter Verben. Bei deutlichen Abweichungen gaben wir den Nischen eigene Namen.
Problemfälle im Rahmen der Einsortierung sollten mithilfe der Forschungsliteratur (v.a. Pfeifer 2010 & Fleischer/Barz 2012) gelöst werden.
Abschließend galt es, produktive (vs. petrifizierte) Nischen des jeweiligen Verbalpräfixes mithilfe von gegenwartsdeutschem Sprachmaterial abzusichern. Als produktiv galt ein Beleg, wenn einschlägige Wörterbücher – wir verwendeten Duden 2019 – das entsprechende Lemma nicht verzeichneten. Durch explorative Internetrecherchen stießen wir dabei auf zahlreiche Neuinstantiierungen auch aus den sozialen Medien, Zeitungsartikeln und Internetforen.
Für das Verbalpräfix ent- haben wir im Gegenwartsdeutschen die folgenden Nischen angenommen:
Privativum
Verben dieser Nische drücken aus, dass etwas vorher Dagewesenes aufgehoben bzw. weggenommen wird: ent-X-en ‚X wegnehmen‘. (enthaupten, entgiften)
Amovendum
Verben dieser Nische stehen häufig mit einem Dativobjekt und drücken die ‚Bewegung von etwas weg‘ aus. (entfliehen, entnehmen)
Inchoativum
Verben dieser Nische drücken den ‚Beginn eines Geschehens‘ aus. (entbrennen, entschlummern)
Intensivum
Verben, deren Basen bereits ein ‚Entfernen‘ ausdrücken, drücken die Bedeutung ‚intensiv‘ aus. (entblößen, entleeren)
Bis heute produktiv sind die beiden Nischen Privativum und Amovendum, wie zahlreiche Internetbelege zeigen:
Privativum: entweihnachten, entimpfen, entgelben, entmuten, entmerkeln
Amovendum: enthüpfen, entklettern, entpaddeln, entreiten, entwandern
Den Basen sind dabei besonders bei den Verben der Nische Privativum keine Grenzen gesetzt: Selbst Fremdwörter (engl. to mute ‚stummschalten‘) oder Politikernamen (neben entmerkeln fanden sich auch Belege für entsödern und entspahnen) können als Basis fungieren.
Für das Verbalpräfix er- wurden im Gegenwartsdeutschen die folgenden Nischen identifiziert:
Qualitas
Verben dieser Nische drücken das ‚Geraten in einen Zustand‘ aus. Sie unterteilt sich weiter in die Subnischen …
- … Mutatio: das Annehmen jenes Zustands bzw. jener Eigenschaft, die in der lexikalischen Bedeutung der Basis – in der Regel ein Adjektiv, in seltenen Fällen ein Substantiv – angelegt ist (erblassen, erstarken)
- … Kausativum: ‚X versetzt Y in den vom Basisadjektiv beschriebenen Zustand.‘ (erheitern, ermächtigen)
Instrumentum
Verben dieser Nische drücken die folgende Bedeutung aus: ‚X erlangt Y durch die in der Basis angelegte Handlung/Tätigkeit.‘ (erkämpfen, ertasten)
Terminatum
Verben dieser Nische drücken den ‚Endpunkt einer Handlung/ein Resultat‘ aus. (erliegen, ertränken)
Inchoativum
Verben dieser Nische drücken den ‚Beginn eines Geschehens‘ aus. (erbeben, erklingen)
Intensivum
Verben dieser Nische drücken eine ‚Verstärkung der Bedeutung‘ der ausschließlich verbalen Basis aus. (erbitten, ermahnen)
In Abgrenzung zu Fleischer und Barz wurde hier u.a. eine weitere Unterteilung der Inchoativa vorgenommen; zum einen aufgrund der Bedeutung, insbesondere aber aufgrund des Unterschieds im Hinblick auf (nicht) vorliegende Produktivität erschien diese Differenzierung sinnvoll: Liegt mit der Nische Inchoativum nämlich zumindest auf Basis der untersuchten Daten keine Produktivität mehr vor, so ist die Qualitas-Subnische Mutatio sehr wohl als produktiv identifiziert worden. Selbiges gilt – in weit höherem Maße – für die Nische Instrumentum, die mit einer Vielzahl produktiver Belege die Hauptnische des Verbalpräfixes er- im Gegenwartsdeutschen darstellt. Besonders auffällig ist dessen Vorkommen in dem Diskurs über aktuelle politische Ereignisse sowie in der Gaming-Szene und in anderen, allgemeineren Kontexten des digitalen Zeitalters. Um nur einige Beispiele zu nennen:
Politik: erhartzen, erimpfen, erlindnern
Gaming-Szene: ercheaten, ercraften, erglitchen
World Wide Web: ergoogeln, erswipen, eryoutuben
Im Zuge der jeweiligen Forschungsarbeiten zu ent- bzw. er- machte sich bereits die Vielzahl gemeinsamer Basen, aber auch entgegengesetzter Nischenbedeutungen bemerkbar. Auch fiel auf, dass beide Verbalpräfixe – trotz der unabhängig voneinander erfolgten Nischenklassifizierungen – die jeweils nicht mehr produktiven Nischen Inchoativum und Intensivum besetzten, in diesen beiden Fällen also gleich zwei Nischenüberdachungen identifiziert werden konnten. Diesen Auffälligkeiten beschlossen wir mit einer diachronen Annäherung an die ‚gemeinsame Geschichte‘ der beiden Verbalpräfixe auf den Grund zu gehen.
Ausgehend von den signifikativ-semantischen Nischen der Verbalpräfixe ent- und er- im Gegenwartsdeutschen, sollten deren Nischenüberdachungen und etwaige Konkurrenzkämpfe in den Sprachstufen Neuhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch und Mittelhochdeutsch nachvollzogen werden. Ursprünglich hatten wir geplant, hierfür auch die sprachhistorischen Referenzkorpora GiesKaNe 0.2 (inzwischen ist das Release von Version 0.3 erfolgt), ReF und ReM zu verwenden. Wegen unzureichender Beleglagen stiegen wir jedoch komplett auf die Arbeit mit Wörterbüchern um: Fürs Neuhochdeutsche verwendeten wir das DWb, fürs Frühneuhochdeutsche das FWb und fürs Mittelhochdeutsche das MWB Online.
Besondere Auffälligkeiten im Hinblick auf nischeninterne Konkurrenz und Komplementarität konnten für die folgenden mit ent- bzw. er- präfigierten Basen festgestellt werden: schlafen (bzw. slâfen), schlummern (bzw. slummen) & zittern (bzw. ziteren).
Anhand produktiver Belege konnte für das Gegenwartsdeutsche im Falle von erschlafen die Nischenbedeutung Instrumentum für das Verbalpräfix er- identifiziert werden. Je nach Kontext weicht die Semantik der Basis voneinander ab (1. ‚schlafen‘ im engeren Sinne; 2. mit jmd. schlafen), was jedoch für die Bedeutung der durch er- erfolgten Modifikation keinen Unterschied zur Folge hat.
erschlafen/erslâfen vs. entschlafen
1. KANN MAN GESUNDHEIT ERSCHLAFEN?
http://www.altbauer.de/images/GZ_0926-S8_Gesundh_erschlafen.pdf
(zuletzt aufgerufen am 19.12.2021)
2. Ich bin stolz auf diesen Weg, denn ich habe ihn geschafft, ohne ein einziges Mal in einem Bett zu landen. Ich habe mir nichts erschlafen.
https://www.bild.de/regional/duesseldorf/ichhabe-mir-nie-eine-rolle-erschlafen-7717336.bild.html
(zuletzt aufgerufen am 19.12.2021)
Anders sieht es für die Verbalpräfigierung durch ent- an der Basis schlafen aus. So lassen sich hier zwei Nischenbedeutungen ausmachen, von denen sich eine im petrifizierten (Inchoativum, 3), eine im produktiven Stadium (Amovendum, 4) befindet.
3. Am … ist unser/e über alles geliebte/r Vater/Mutter im Alter von … sanft entschlafen.
https://www.husmann-holaus.de/fileadmin/user_upload/dokumente/formulierungshilfen/Traueranzeigen.pdf
(zuletzt aufgerufen am 21.04.2023).
4. Mister X – von Berufs wegen Gentechniker – ist dem Leben entschlafen.
https://www.wortkrieger.de/threads/%C3%9Cberlebt-ein-au%C3%9Ferirdischer-berichtet.3039/
(zuletzt aufgerufen am 25.04.2023).
Wirft man nun einen Blick auf die im Mhd. besetzten Nischen für ent- und er-, so zeigt sich nicht nur eine vom Ggwd. abweichende Nischenbesetzung, sondern gleichzeitig auch eine gemeinsame Überdachung der Nische Inchoativum durch erslâfen und entslâfen:
MWB: erslâfen = ‚einschlafen‘
5. so bistu by der glüte / und von dem win erloffen / dar zu bistu erslaffen (Minner 418)
MWB: entslâfen = ‚einschlafen‘; ‚friedlich, sanft sterben‘
6. als er intslief got in ane rief (Gen 1671)
Die Nischenbedeutung Inchoativum von ent- setzt sich für die Basis schlafen im Fnhd. fort, wie die Belege des FWb aus den Jahren 1545 und 1626 zeigen:
FWb: entschlafen = 1. ‚einschlafen‘; 2. ‚ruhig, friedlich sterben‘
7. DA lies Gott der HERR einen tieffen Schlaff fallen auff den Menschen / vnd er entschlieff. (Luther. Hl. Schrifft. 1. Mose 2, 21 (Wittenb. 1545))
8. Er ist aber […] am Fieber im HErrn seeliglich entschlaffen. (Dünnhaupt, Werder. Gottfr. v. Bullj. 14, 1 (Frankf./M. 1626))
Demgegenüber ist erschlafen im FWb nicht lemmatisiert, sodass hierüber keine eindeutige Aussage getroffen werden kann. Dieser Umstand gibt Anlass zur Vermutung, dass er- an der Basis schlafen zunächst verschwunden und mit der bis heute produktiven Nischenbedeutung Instrumentum wieder aufgetaucht sein könnte; sind nämlich keinerlei Inchoativum-Belege für erschlafen in nhd. Zeit verzeichnet (der Eintrag 1. ‚entschlafen‘ nimmt Bezug auf einen Beleg aus dem 15. Jhd.), so hält das DWb gleich mehrere nhd. Auszüge für das Instrumentum–er- bereit, darunter z. B:
9. er hat seine gesundheit erschlafen. (Stieler 1804)
10. so sah der erste mensch im ersten traum sich wippen, und stieg und fiel bald hoch, bald tief, und wuste nicht, welch glück er sich erschlief. (Thümmel 8, 17)
11. in einem schlechten wirtshaus erschlafen wir nun den morgenden tag. (Göthe 16, 240)
Im Falle von entschlafen jedoch bleibt die Nische Inchoativum enthalten, wie eine Textstelle Pestalozzis zeigt:
12. bei einer alten leier man entschläft und bei einem neuen lied wieder erwacht. (Pestalozzi 12, 227)
Abschließend ergibt sich für die Nischenbedeutung der an die Basis schlafen tretenden Verbalpräfixe ent- und er- folgendes sprachhistorisches Bild:
| MWB | FWb | DWb | Ggwd. | ||
| schlafen | ent- | Inchoativum | Inchoativum | Inchoativum | Inchoativum |
| Amovendum | |||||
| er- | Inchoativum | – | Instrumentum | Instrumentum |
Besetzten im Mhd. noch beide Präfixe die Nische Inchoativum, so scheint sich ent- an dieser Stelle durchgesetzt zu haben; durch das Wiederaufkommen von er- an der Basis schlafen im Nhd., jedoch in einer gänzlich anderen Nische, ergibt sich eine Komplementarität zwischen den beiden Präfixen: Beide treten an dieselbe Basis, besetzen dabei aber nun eine je unterschiedliche Nische und können so unangefochten dort fortbestehen. Das Ggwd. gibt nun Grund zur Frage, ob neben der neuinstantiierten Nischenbedeutung Amovendum von ent- an der Basis schlafen diese Komplementarität längerfristig wird erhalten bleiben können. In Abgleich mit anderen, im Folgenden auszuführenden Beispielen ist allerdings davon auszugehen – denn egal wie erbittert ent- und er- um die Besetzung von Inchoativum buhlen, eines der beiden Präfixe scheint den Fortbestand stets zu gewährleisten.
entschlummern/entslummen vs. erschlummern
Eine ähnliche Entwicklung lässt sich für die Verben entschlummern (bzw. mhd. entslummen) und erschlummern erkennen. Ist Letzteres zwar im Ggwd. nicht lemmatisiert, so finden sich doch produktive Belege, die eine Besetzung der Nische Instrumentum durch er- auch an dieser Basis nahelegen, so beispielsweise in den folgenden Schlagzeilen:
13. Wissen erschlummern – Nach dem Pauken schlafen, dann sitzt das Gelernte besser.
https://stadtleben.de/deutschland/news/2006/09/12/wissen-erschlummernnach-dem-pauken-schlafen-dann-sitzt-das-gelernte-besser/
(zuletzt aufgerufen am 19.12.2021).
14. im tiefschlaf zum zahltag. Wie Sie sich den Konzerndollar erschlummern.
https://www.bloomverlag.ch/
(zuletzt aufgerufen am 21.04.2023)
Auch ent- weist im Ggwd. für die Basis schlummern dieselben Nischen auf wie für die Basis schlafen; ebenso wie im vorherigen Fall liegt neben der nicht mehr produktiven Bedeutung Inchoativum (15) eine Besetzung der als produktiv eingestuften Nische Amovendum (16) vor:
15. Kinder können sich auf die Spuren von freundlichen Spukgestalten begeben, die eigenen Vor-stellungen von Geisterwesen basteln, Gespensterfangen spielen und lesen – bis sie erschöpft entschlummern.
https://roda.schule.wien.at/galerie/201920/grusel-halloweennacht-4b/
(zuletzt aufgerufen am 23.04.2023).
16. Porta Alpina entschlummert in den Dornröschenschlaf
https://www.nzz.ch/porta_alpina_vor_dem_definitiven_aus-ld.432864
(zuletzt aufgerufen am 23.04.2023).
Auch im Mhd. ist die Nische Inchoativum von er- nicht für die Basis schlummern (bzw. analog zum lemmatisierten ent-Pendant: slummen) belegt; entslummen dagegen findet sich in dieser auch im Ggwd. erhalten gebliebenen, jedoch petrifizierten Nische:
17. des quam der tufil eines nachtis zu Wolfram, als er entslummet was, in sines wirtis hus zu Isenach (Köditz 12,31)
Selbiges gilt für das Fnhd., für das entschlummern belegt und lemmatisiert ist, nicht aber erschlummern:
18. Erleuchte du die augen mein, | Daß ich ja nu noch nimmer | Jm tod entschluemmer. (Kehrein, Kath. Gesangb. 3, 138, 2 (Köln 1582))
Zwar ist auch im Nhd. nur entschlummern lemmatisiert; erschlummern tritt aber erstmals auf den Plan. Im DWb finden sich weiterhin Belege für entschlummern, die die durch die Präfigierung erfolgte Modifikation in der Nische Inchoativum vermuten lassen:
19. unter gesang an ihrer brust entschlummert werd ich träumen. (Hölty)
20. und kein greis entschlummre, der nicht noch einmal dank, wenn er entschlummert, gott aus des herzens innerstem stammle. (Klopstock 1, 154)
Auch erschlummern besetzt, so lässt sich aus der Textstelle Neukoms (21) schließen, im Nhd. die Nische Inchoativum; entsprechend ist auch hier – wie im Falle der Basis schlafen – eine zeitweise nischeninterne Konkurrenz erkennbar. Gleichzeitig kann erschlummern jedoch bereits in der Nische Instrumentum (22) verortet werden, in der es sich bis ins Ggwd. hinein erhalten hat:
21. Ich preise Gott, ehe ich einschlafe, und im Erschlummern, wiewohl in Schwachheit mit euch. Einst, wenn ich nach einer frohen Auferstehung in eure Gesellschaft gelange, stimme ich mit euch dem Allmächtigen vollkommene Loblieder an! (Neukom 1799: 55)
22. es umringen mit zärtlichem Erstaunen sie kleine Amoretten, und wähnen, ihre Mutter sey dem Olymp entschwebet, um in der schönen Grotte ein Träumchen zu erschlummern. (Zschokke 1796: 246)
Sind also die Nischen für die ent-Präfigierung der Basis schlummern bzw. slummen in diachroner Betrachtung 1:1 identisch mit jenen für die Basis schlafen bzw. slâfen, so lassen sich in Bezug auf er- zumindest marginale Unterschiede erkennen: Anstelle im Mhd. – wie bei slâfen – ist für schlummern die er-Präfigierung überhaupt erst im Nhd. belegt. Hier tritt sie gleichzeitig für die Nischen Inchoativum und Instrumentum auf, wobei die letztgenannte, bis ins Ggwd. produktive Nische sich durchsetzt. Ebenso wie im Falle von entschlafen gewährleistet die ent-Präfigierung derselben Basis den Fortbestand der Nischenbedeutung Inchoativum.
| MWB | FWb | DWb | Ggwd. | ||
| schlummern | ent- | Inchoativum | Inchoativum | Inchoativum | Inchoativum |
| Amovendum | |||||
| er- | – | – | Inchoativum | Instrumentum | |
| Instrumentum |
entzittern vs. erzittern
Anders verhält es sich im Falle von entzittern und erzittern; hier ist es das Verbalpräfix er-, das sich, angefügt an die Basis zittern, in der Bedeutung der Nische Inchoativum (23 & 24) behauptet. Im Ggwd. lässt sich zwar zahlreich das zudem lemmatisierte erzittern finden, nicht so häufig jedoch entzittern, dessen Bedeutungsmodifikation durch ent- der produktiven Nische Privativum (25 & 26) zuzuordnen ist:
23. Laßt die Imperialisten und Reaktionäre vor unserer Einheit erzittern!
Archiv der Gegenwart, Bd. 34, 17.04.1964, S. 11175 [ff.]. Zit. n. CD-ROM-Ausgabe 2001.
24. Das Recht, die Macht auszuüben, d.h. in demokratischer Weise alle Bürger aufzurufen, die Macht auszuüben, schafft sich sozusagen jeden Tag neu, vor allem in schwierigen Zeiten, wo tiefgehende Bewegungen die alten Strukturen in Frage stellen und die solidesten Gebäude erzittern machen.
Archiv der Gegenwart, Bd. 29, 08.06.1959, S. 7769 [ff.]. Zit. n. CD-ROM-Ausgabe 2001.
25. Vergiss es! Zum Einen kann es durch das „Entzittern“ zu wahrhaft übelkeitserregenden Effekten kommen, wenn nämlich nicht das Zittern entfernt wird, sondern sich plötzlich Gegenstände und Menschen verformen, zum andern braucht dieser Entzittervorgang bei nicht topaktueller Rechnerleistung elend lange!
https://www.sonyuserforum.de/forum/showthread.php?t=175027&page=4
(zuletzt aufgerufen am 27.04.2023).
26. Kurze Rückmeldung: Mit dem Hinweis von triple3 klappte alles völlig problemlos – Manometer entzittert, Schläuche getauscht.
https://www.kaffee-netz.de/threads/xenia-wie-komme-ich-an-die-innereien.134233/
(zuletzt aufgerufen am 21.04.2023).
Ein besonders durchgängiges Bild in der Diachronie liefert die Bedeutungsmodifikation durch er-: Hier ist die Nische Inchoativum vom Mittelhochdeutschen (27) übers Frühneuhochdeutsche (28) bis ins Neuhochdeutsche (29) konkurrenzlos:
27. erkrachen unde erzittern / solt anger unde heide (KvWTroj 34092)
28. Da du [Christus] verschieden bist, Die Erd sich hefftig schuetert, Der Tempel auch erzittert. (Kehrein, Kath. Gesangb. 1, 357, 20 (Mainz 1605))
29. da erzitterten ire herzen und hende. (Sirach 48, 21)
Für entzittern sind Belege erst ab frühneuhochdeutscher Zeit (30) zu finden, dort zunächst ausschließlich in der Nische Inchoativum:
30. wird er [Gott] selber personlich komen […], das alle creaturen fur yhm werden enttzittern und beben. (Luther, WA 16, 366, 13 (1526))
Im Neuhochdeutschen ist die Nische Inchoativum weiterhin belegt, hinzu kommt jedoch die Nische Amovendum: in einigen Fällen fraglich (31), in anderen eindeutig (32 & 33):
31. doch die andern entzitterten, alle voll schreckens; und die Troer entzitterten dorthin und dahin; da lag die liebste wachend mir im arme und alle zauber um sie her entzitterten. (Rückert 184)
32. den sonnen gleich, da sie gottes schaffender hand entzitterten. (Klopstock 1, 1774)
33. wallet nur hin, ihr hübschen schmetterlinge, spielt im glanz und entzittert nur linde wie blüten dem leben. (J. P. flegelj. 3, 58)
Es lässt sich also festhalten: Während er- an der Basis zittern in der gesamten Diachronie allein die Nische Inchoativum besetzt, ist in frühneuhochdeutscher Zeit eine Konkurrenz durch das ebenfalls inchoative entzittern gegeben. Zu diesem gesellt sich in neuhochdeutscher Zeit die Nische Amovendum, bis ent- diese beiden Nischen im Gegenwartsdeutschen zugunsten der produktiven Nische Privativum aufgibt.
| MWB | FWb | DWb | Ggwd. | ||
| zittern | ent- | – | Inchoativum | Amovendum | Privativum |
| Inchoativum | |||||
| er- | Inchoativum | Inchoativum | Inchoativum | Inchoativum |
Unsere Gesamtergebnisse zu den mit ent- oder er- präfigierten Verben (auch jene, auf die wir aus Platzgründen in diesem Beitrag nicht eingehen), die natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:
| Mhd. | Fnhd. | Nhd. | Ggwd. (p. = produktiv) (n.p. = nicht produktiv) | |
| Mutatio | (ent-/)er- | (ent-/)er- | (ent-/)er- | er- (p.) |
| Kausativum | (ent-/)er- | (ent-/)er- | (ent-/)er- | er- (n.p.) |
| Inchoativum | ent-/er- | ent-/er- | ent-/er- | ent-/er- (n.p.) |
| Instrumentum | er- | er- | er- | er- (p.) |
| Terminatum | er- | er- | er- | er- (n.p.) |
| Intensivum | ent-/er- | ent-/er- | ent-/er- | ent-/er- (n.p.) |
| Privativum | ent- | ent- | ent- | ent- (p.) |
| Amovendum | ent- | ent- | ent-/er- | ent- (p.) |
Während die Nischen Instrumentum, Terminatum (beide er-) und Privativum (ent-) durchgängig von nur einem der beiden Präfixe besetzt sind, sind bei allen anderen Nischen diachrone Konkurrenzkämpfe zu erkennen. Im Falle der (heute nicht mehr produktiven) Nischen Inchoativum und Intensivum reichen diese sogar bis in die Gegenwartssprache hinein. Anders bei den Nischen Mutatio, Kausativum und Amovendum: Auch hier sind im Laufe der Sprachgeschichte Konkurrenzkämpfe ausgefochten worden, die am Ende jedoch komplementär verteilt klare Sieger hervorbrachten: er- für Mutatio und Kausativum, ent- für Amovendum.
Quellen
Korpora
AdG = Archiv der Gegenwart (1931-2000). Gegr. v. Heinrich Siegler. Königswinter: Siegler, Verl. für Zeitarchive. CD-Rom-Ausgabe 2001.
DeReKo = Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (2020). Deutsches Referenzkorpus / Archiv der Korpora geschriebener Gegenwartssprache 2020-I (Release vom 21.01.2020). Mannheim: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache. PID: 00-04B6-B898-AD.
GiesKaNe = Ágel, Vilmos; Hennig, Mathilde (i. Vorb.). Referenzkorpus Neuhochdeutsch (1650-1950), GiesKaNe_0.2, https://gieskane.com/.
ReF = Wegera, Klaus-Peter; Solms, Hans-Joachim; Demske, Ulrike; Dipper, Stefanie (2021). Version 1.0, https://www.linguistics.ruhr-uni-bochum.de/ref/. ISLRN 918-968-828-554-7.
ReM = Klein, Thomas; Wegera, Klaus-Peter; Dipper, Stefanie; Wich-Reif, Claudia (2016). Referenzkorpus Mittelhochdeutsch (1050–1350), Version 1.0, https://www.linguistics.ruhr-
uni-bochum.de/rem/. ISLRN 332-536-136-099-5.
Literatur
Baldinger, Kurt (1950): Kollektivsuffixe und Kollektivbegriff. Ein Beitrag zur Bedeutungslehre im Französischen mit Berücksichtigung der Mundarten. Berlin: Akademie-Verlag (= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Veröffentlichungen des Instituts für Romanische Sprachwissenschaft).
DWb = Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB#0 (zuletzt aufgerufen am: 14.04.2023).
Fleischer, Wolfgang/Barz, Irmhild (2012): Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 4., völlig neu bearb. Aufl. v. Irmhild Barz unter Mitarbeit v. Marianne Schröder. Berlin/Boston: De Gruyter.
Goebel, Ulrich/Lobenstein-Reichmann, Anja/Reichmann, Oskar (Hrsg.) (2017/2018/2019): Frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Bd 5.2, e – ezwasser. Berlin/Boston: De Gruyter.
Habermann, Mechthild (1994): Verbale Wortbildung um 1500. Eine historisch-synchrone Untersuchung anhand von Texten Albrecht Dürers, Heinrich Deichslers und Veit Dietrichs. Berlin/New York: De Gruyter (= Wortbildung des Nürnberger Frühneuhochdeutsch 2).
Höllein, Dagobert (2019): Präpositionalobjekt vs. Adverbial. Die semantischen Rollen der Präpositionalobjekte. Berlin/Boston: De Gruyter (= LIT 82).
Klein, Thomas/Solms, Hans-Joachim/Wegera, Klaus-Peter (2009): Mittelhochdeutsche Grammatik. Teil III. Wortbildung. Tübingen: Niemeyer.
MWB = Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Digitalisierte Fassung, bis Lieferung MWB 2,7 (21.12.2021), http://www.mhdwb-online.de/index.html (zuletzt aufgerufen am: 14.04.2023).
Pfeifer, Wolfgang (Hrsg.) (2010): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Koblenz: Edition Kramer.
Rosenberger, Sebastian (2017): Das Wortbildungsmorphem ent- im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch. Lexikographie im Spannungsfeld zwischen Grammatik, Semantik und Pragmatik. In: Hans-Ulrich Schmid (Hrsg.): Wörter. Wortbildung, Lexikologie und Lexikographie, Etymologie. Berlin/ Boston: De Gruyter (= Jahrbuch für Germanistische Sprachgeschichte 8), S. 209-227.