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«Dan meine Gedancken stunden nuhr zu reißen, Stett und Lender zu erfahren» – Die Reisen des Kannengießers Güntzer

20.06.2023
Autor: Philipp Meisner

Einer der ersten Texte, die wir im Rahmen der Annotation unseres Korpus Gießen-Kassel-Neuhochdeutsch kennen lernen durften, ist das Kleine Biechlin von meinem gantzen Leben von Augustin Güntzer. Die 1657 verfasste Autobiographie des Kannengießers ist „ein wertvolles Sprachdenkmal des frühen Neuhochdeutschen” (Kappel 2006: 101) und auch für Historiker im Rahmen der Selbstzeugnisforschung eine wichtige Quelle, wie die Edition von Brändle & Hofer (2002) belegt. Der Text ist in 5 Abschnitte unterteilt:

  • Vohrrett
  • Mein Kindtheitt undt Lehrjahren betröffent
  • Mein Reißbiechlin
  • Das Biechlin meines Ehestandts undt Haußhaltung
  • Daß Biechlin meines Wittwerstandts

Da unsere Korpustexte immer ca. 12.000 Wortformen umfassen, kann auch aus Güntzers Autobiographie nur ein Ausschnitt annotiert werden. Der in unserem Korpus verwendete Ausschnitt ist Teil des Reißbiechlins, in dem Güntzer über seine Gesellenwanderung und eine weitere, sich daran anschließende Unternehmung berichtet. Denn seine Leidenschaft bestand nicht im Gießen von Zinn, sondern vor allem im Reisen, wie er nicht müde wird, zu betonen:

Dan meine Gedancken stunden nuhr zu reißen, Stett und Lender zu erfahren (Güntzer 1657: 94r)

Beim Annotieren lernt man nicht nur etwas über den Schreibstil und die Sprache eines Autors, sondern auch immer über den Autor selbst. Güntzers Reisen sind gerade für die damaligen Verhältnisse beeindruckend, so lag eine graphische Darstellung seiner besuchten Orte nahe.[1]

Bereits Güntzers erste Reise, die ihn zwischen 1615 und 1619 durch das alte Reich, Österreich, Böhmen und bis nach Rom führt, ist im Vergleich zu anderen Gesellenwanderungen imposant (vgl. Brändle & Hofer 2002: 8). Doch damit nicht genug, 1620 bricht er erneut auf, um Städte und Länder zu erfahren. Dieses Mal führt ihn die Reise bis ins Baltikum und sogar nach Großbritannien. Am liebsten wäre er auch noch weiter nach Moskau oder in die Türkei gereist:

Hate mihr forgenomen, in die Mustgau und Dierkey zu reißen, kundte aber kein Gelegenheidt antröffen. (Güntzer 1657: 98v)

Auf seinen Reisen erlebt der Kannengießer allerlei, trifft laut eigener Aussage immer wieder auf Mörder und Banditen (wir zählen alleine in unserem Korpusabschnitt 20 Vorkommen des Lemmas Mörder, wobei Mörder auch eine gängige Bezeichnung für Übeltäter oder Wegelagerer war und von Güntzer auch häufig in diesem Sinne verwendet wurde), leidet Hunger, Erfrierungen und wird ausgeraubt. In der folgenden Karte sind alle Orte verzeichnet, die Güntzer in dem Abschnitt erwähnt, den unser Korpus umfasst.[2]


Orte, die Güntzer im Korpustext bereist (Interaktive Karte)

 

Güntzer erste Reise

Unser Korpustext setzt auf Güntzers Reise von Ljubljana/Laibach nach Triest ein. Zu diesem Zeitpunkt ist Güntzer bereits drei Jahre auf Gesellenwanderung und hat dabei große Teile des alten Reichs und Böhmen durchquert. Güntzer reist dabei in der Regel zu Fuß, die Strecken, die er insgesamt zurücklegt, sind auch aus diesem Grund durchaus beeindruckend. Er schildert nun seine Reise durch Italien. Hierbei ist der Calvinist Güntzer stets bemüht, seine Religionszugehörigkeit im katholischen Italien möglichst zu verbergen, was ihn nicht davon abhält, im Stillen seinen Gott anzuflehen, wann immer ihm Ungemach droht.

Ich ruffete zu Gott, befalle im al mein Thun und Anligen, dan ich foerchtete, ich werde vohr Hunger und Matigkeitt der Hitz halben verschmachten (Güntzer 1657: 54v)

Die folgende Karte illustriert den letzten Teil seiner ersten Reise, der ihn vor allem durch Italien führt:


Güntzers 1. Reise

Trotz seiner Überzeugung, dass ihn der göttliche Beistand vor Schlimmerem bewahrt, berichtet Güntzer, dass er während seiner Reise bestohlen wird. Im Juni 1619 kehrt er zurück nach Hause. Doch dort hält er es nicht lange aus, das Drängen seiner Familie auf eine Vermählung und das „sündige” Treiben in seiner Heimat behagen ihm nicht.

Mein Vater und Geschwister sind Tag und Nacht an mir , ich sollte mich verheiraten , dieweil ich aber ganz kein Lust dazu hat und sah beineben, dass es mit mir die Längen kein Gut würde tun , länger in meinem Vaterland zu verbleiben , dieweil ich das gottlose Leben täglich vor Augen sah , so in meinem Vaterland vorgeht mit Schwüren und Flüchen , Fressen und Saufen und allerlei Sünden , und ich mich derer auch teilhaftig gemacht habe , so fürchte ich , Gott würde mich an Leib und Seele strafen (Güntzer 1657: 64v f.)

So bricht er im Mai 1620 erneut auf.

Güntzers zweite Reise

Seine zweite Reise führte ihn weiter in den Norden, durch Flandern und Ostfriesland bis nach Danzig. Dabei beschreibt er unter anderem eine ausführliche Episode im Stettiner Wald, dessen Größe er allerdings unterschätzt hat:

In dem Stettiner Wald , der 6 deutscher Meile Wegs groß ist dadurchzu gehen von Uckermünde und Stettin , bin ich nahe Hungers und Durst gestorben . […] Ich dachte , der Wald wäre nur ein halbe oder ganze Meile Wegs lang . Ich hatte mich derowegenwohl proviantieren können , gedachte aber nicht , dass der Wald 6 Meile Wegs lang wäre und das Ackerfeld ein Meile Wegs , so ich noch zu gehen hatte nachher Stettin. (Güntzer 1657: 90r f.)

Auch in diesem Wald trifft er auf verdächtige Gestalten, von denen er sich fernzuhalten versucht. Generell schenkt er Menschen, die er außerhalb von Städten trifft, immer wenig Vertrauen. So wundert er sich auch, dass ein „Mörder” ihm hilft, als er den Wald endlich verlassen kann.

Als ich nun des Waldes ein Ende kam , sah ich ein großes Ackerfeld und Stettin vor mir liegen . Da erfreute mich sehr , fasste mir wiederum einen frischen Mut zu gehen . Fing an zu singen […]. In dem ersah ich weit vor mir etwas vor mir stehen , ungefähr ein halbe Meile Wegs weit . Als ich ihn erkannte , dass es ein Mann war , erschrak ich zumTeil , dieweil er so lang auf mich wartete , er dürfte mich tot schlagen . Als ich nun nahe zu ihm kam , grüßte ich ihnen . Er dankte mir fleißig . Da erkannte ich ihn , dass er ein Mörder war , auf seiner Achsel trug er ein Sensen , darantrug er ein wunderbarliches hölzen Flaschen oder Logel voller gutes Biers . An seinem rechten Arm trug er ein geflochtener Ratze oder Korb , darinein langer , pommerischer , schöner Laib Brot und 2 große gebratene Fisch. Ich sprach zu ihm : Mein guter Freund , warum seid ihr also lang allhier gestanden , ich hatte euch schon ein lange Zeit allhier an einer Stadt sahen stehen . Er sprach , er hätte auf mich gewartet , er weiß wohl , dass die Leute in diesem Wald müde und hungrig werden . Er will mir etwas zu essen und trinken geben , zog hiermitdas Brot und 2 Fische aus dem Korb , das Logel von der Sensen . Ich soll essen und trinken , in Gottes Namen essen und trinken . Ich dankte ihm und sprach zu ihm : Nunmehr verhoffe , ich werde diesmalen nicht Hungers sterben. (Güntzer 1657: 91v ff.)

Von Danzig aus reist Güntzer dann zum ersten Mal mit dem Schiff über die Ostsee nach Riga.


Güntzers 2. Reise

Auf der Reise von Riga nach Litauen macht ihm vor allem die Kälte zu schaffen, trotz dicker Kleidung berichtet er von Erfrierungen an den Schenkeln und vor allem seiner Nase und aus heutiger Sicht wohl eher eigenartigen Behandlungsmethoden:

Als wir miteinander in die Stadt Kauen eingingen , zog ich meine Pelzkappen von den Gesicht , dann sie war gemacht wie eine Larven . Ging daher wie ein Fastnachtnarr . Da war mir die Nasen nass von Dampf und Schnaufen , erfror mir alsobald , dass sie schlohweiss und tot war . Mein Geselle lacht mich aus wie auch die litauischen Buben in der Stadt : Dieser hat kein Nasen mehr . Bei dem Hauptplatz kamen 2 deutsche Kaufherren , Bürger daselbst , zu uns , sagten zu mir : Landsmann , wie seid ihr um eure Nasen kommen ? Folgt uns , ihr bringt sonsten kein Nase mehr in eure Lande . Da musste ich die Nasen 1 1/2 Stunde im Schnee halten , welches mir die Kälten wiederum herauserzog. (Güntzer 1657: 99v)

Nach den eisigen Tagen im Baltikum, möchte er auf einem Schiff nach England reisen. Doch ein starker Hautausschlag macht ihm zu schaffen, sodass ihm die Überfahrt zunächst von den Schiffsleuten verwehrt wird, die mit Abscheu auf seinen Anblick reagieren. In Königsberg findet er schließlich ein Schiff, das ihn mit nach Großbritannien nehmen wird. Noch vor der Überfahrt wird er allerdings von drei Nachtwächtern verprügelt, die ihn für einen Dieb halten. Güntzers Ausführungen sind an dieser Stelle düster, Brändle & Hofer (2002: 12) deuten dies als eine „existenziellen Krise” und lesen „Selbstmordgedanken” heraus. Mit der Überfahrt geht es für Güntzer aber aufwärts. Unser Korpustext endet schließlich mit seiner Ankunft in London.


Literatur

Brändle, Fabian & Roland E. Hofer (2002): Kleines Biechlin von meinem gantzen Leben: Die Autobiographie eines Elsässer Kannengießers aus dem 17. Jahrhundert (Selbstzeugnisse der Neuzeit). Köln: Böhlau.

Güntzer, Augustin (1657): Kleines Biechlin von meinem gantzen Leben: Autobiographie. Universitätsbibliothek Basel. doi:10.7891/E-MANUSCRIPTA-13484.

Kappel, Péter (2006): Augustin Güntzer: Kleines Biechlin von meinem gantzen Leben. Die Autobiographie eines Elsässer Kannengießers aus dem 17. Jahrhundert [Güntzer I]. In Vilmos Ágel & Mathilde Hennig (Hrsg.), Grammatik aus Nähe und Distanz. Berlin: DE GRUYTER. doi:10.1515/9783110944709.101.

Sadler, Jesse (2017): Geocoding with R: Using ggmap to geocode and map historical data.


[1] Brändle & Hofer (2002) haben beide Reisen ebenfalls graphisch dargestellt. Sie richten sich nach Güntzers Itinerar, in dem Güntzer ausführlich alle Orte seiner Reise notiert hat. Ich beschränke mich auf die in unserem Abschnitt im Fließtext genannten Orte. Unser Abschnitt umfasst etwa den Zeitraum von 1618-1621. Es fehlen also die ersten drei Jahre der ersten und das Ende der zweiten Reise.

[2] Zur Erstellung der Karten habe ich auf die hilfreichen Arbeiten von Sadler (2017) zurückgegriffen.