Bilingual Education – Erfahrungen aus dem Norden Europas von Janina Jasper
Das skandinavische Land ist im sozialen Sektor sehr stark. Wie Studien gezeigt haben, nimmt die Erziehung zur Bildung - insbesondere zur sprachlichen Bildung – in Finnland einen hohen Stellenwert ein. Neben den Landessprachen Finnisch und Schwedisch werden dort auch z. T. Englisch und Deutsch gesprochen. Der Bezug zu diesen Sprachen ist so groß, dass es gerade im Süden des Landes viele Institutionen der Frühförderung gibt, die speziell auf einer dieser Sprachen ausgerichtet sind, so dass viele Kinder zweisprachig aufwachsen. Wie sehr diese Art der Bildungsmöglichkeit von Eltern angestrebt wird, konnte ich besonders auch während meines Praktikums erfahren: Eine deutsche Familie, die nach Finnland gezogen ist - mit dem Ziel, das Land nach geplanten 15 Monate wieder zu verlassen - meldete ihre zwei Kinder nicht in einem deutschsprachigen, sondern in einem englischsprachigen Kindergarten an. Der elterliche Antrieb bestand darin, „die einmalige Chance“ für die Bildung ihrer Kinder zu nutzen.
Wie die Realisierung dieser einmaligen Chance nun aussehen kann, habe ich während meines sechswöchigen Praktikums in dem englischsprachigen Kirkkonummi Kindergarten in Finnland erlebt. Die Einrichtung ist eine private englischsprachige Kindertagesstätte, die 2000 in Kirkkonummi, einem kleinen Städtchen an der Südküste Finnlands, gegründet wurde. Sie bietet 21 Plätze, sowohl halbtags als auch ganztags für Kinder ab einem Alter von 18 Monaten bis zum einschließlich sechsten Lebensjahr. Die sehr altersheterogene Einrichtung erlebte ich als einen Ort, den die Kinder als ihr „second home“ betrachten, einen Ort, wo Kinder sich wohl fühlen und ihre natürlichen Fähigkeiten entwickeln können. Weil die Anzahl von 17 Kindern im Kindergarten sehr klein war, hatte ich die Möglichkeit mit jedem Kind im Kindergarten ein enges Verhältnis aufzubauen. Begünstigt wurde dies durch die Tatsache, dass ich trotz des guten Personalschlüssels von zwei Erziehern und der Leiterin sehr in die Arbeit der Erzieher mit eingebunden wurde. Auf diese Weise erlebte ich in einer familiären Atmosphäre während meines Praktikums besonders hinsichtlich der mehrsprachigen Erziehung sehr beeindruckende Szenen im Kindergartenalltag. Speziell durch die Beobachtung des deutschen Geschwisterpaares, dessen intensive Betreuung mir auferlegt worden war, erfuhr ich, was mehrsprachige Erziehung bedeuten kann und wie diese im finnischen „Kirkkonummi Kindergarten“ nach kurzer Eingewöhnungsphase sowohl für die Kinder also auch für mich zu einem alltäglichen Phänomen werden kann. Es ist sehr beeindruckend für mich gewesen zu sehen, wie Kinder spielerisch an die Zweit- oder sogar an die Drittsprache herangeführt werden und sie innerhalb weniger Monate anfangen, diese immer mehr zu beherrschen.
Während meines Auslandsaufenthalts lebte ich in der Familie, die den Kindergarten betreibt. Auf diese Weise fanden auch viele Gespräche außerhalb der Arbeitszeit statt, die zu einem Austausch zwischen der Bildungspolitik der Länder führten. Dies war sehr interessant, weil gerade die sprachliche Bildung im engen Zusammenhang mit der Globalisierung steht und ich so auch Einblick in die gesellschaftlichen und politischen Perspektiven des Landes erhielt. Außerdem erfuhr ich neben den erlebten Alltagsszenen durch eine durchgeführt Elternumfrage auch viel über die bisherigen Erfahrungen der Eltern mehrsprachig aufwachsender Kinder. Eine Tätigkeit meines Praktikums, die ich außerhalb der Einrichtung verfolgte, waren Besuche verschiedener anderer pädagogischer finnischer Einrichtungen im Umfeld. Ich versuchte mithilfe von Interviews, die Vielfältigkeit der Einrichtungen für die Bildung und Förderung von Kindern ausfindig zu machen und auch gleich praktisch zu kennen zu lernen.
Aus meinen Auslandserfahrungen habe ich anschließend das Fazit geschlossen, dass die selbstverständliche Umsetzung der bilingualen Erziehung von vielen Faktoren abhängt, die zwar zur Zeit im finnischen Bildungssystem mehr ausgeprägt sind als in Deutschland, aber auch dort entwicklungsfähig sind - besonders im Bezug auf Netzwerkarbeit. Für die Kinder, die sich in Finnland in einer mehrsprachigen Institution aufhalten, wird das Aufwachsen mit zwei Sprachen zwar immer mehr zu einem Alltagsphänomen, je mehr sie sich in der Sprache bewegen. Die pädagogische Handlungsweise in Kindergärten wird jedoch z. T. noch ausprobiert und würde von einem Ausbau hinsichtlich spezieller Fördermaßnahmen und Fachkräfte sehr profitieren. Da die mehrsprachige Erziehung ein spannender frühkindlicher Bildungsbereich ist, kann ich jedem einen Einblick in diese Arbeitsweise empfehlen.