Laufende und abgeschlossene Promotionen am Forschungsbereich
Paula Brandl: Transnational Anti-Gender Discourses at the United Nations
Das Dissertationsprojekt analysiert transnationale Anti-Gender-Akteure bei den Vereinten Nationen mit Fokus auf der Commission on the Status of Women (CSW). Aktuelle Forschungsergebnisse weisen auf eine zunehmende, koordinierte Mobilisierung gegen Frauen- und LGBTIQ*-Rechte hin, die als Anti-Gender-Bewegung verstanden wird, und umfassendere Auseinandersetzungen um politische Ordnung, Werte und Macht widerspiegelt. Als zentraler Ort der globalen Normenbildung sind die Vereinten Nationen zu einer Schlüsselarena dieser Auseinandersetzungen geworden.
Die bisherige Forschung konzentriert sich weitgehend auf nationale Kontexte und religiöse Akteur*innen, wodurch eine systematische Analyse der Anti-Gender-Diskurse in transnationalen Institutionen bisher fehlt. Dieses Projekt setzt daher dort an, indem untersucht wird, wie staatliche und nichtstaatliche Akteure – insbesondere Organisationen mit Beraterstatus und ihre verbündeten Staaten – ihre diskursiven Strategien an verschiedenen Arenen innerhalb der CSW anpassen.
Unter der Konzeption von Diskurs als abhängiger Variable analysiert die Studie wiederkehrende Argumentationsmuster, die zugrunde liegende Vorstellungen von sozialer Ordnung sowie strategische Diskursanpassungen an die jeweilige Arena, durch die Akteur*innen versuchen, ihre Legitimität und Resonanz zu stärken. An der Schnittstelle von Internationalen Beziehungen und Gender Studies angesiedelt, trägt das Projekt zu einem differenzierteren Verständnis der transnationalen Dynamiken der Anti-Gender-Mobilisierung, ihr gegenhegemonialen Potenzials in der globalen Governance sowie der Rolle institutioneller Arenen bei der Konstruktion von Diskursen bei.Ekin Durmaz: Die performative Transformation der deutschen Politik: Queere Diaspora, Migration von Grenzregimen und die Bühne als agonistisches Feld
Beginn: 11/2025
Diese Forschungsarbeit untersucht die Rolle queerer diasporischer Performances aus der Türkei und der MENA-Region als eine Form der demokratischen Deliberation innerhalb der gegenwärtigen politischen Landschaft Deutschlands. Über die ästhetischen Grenzen der Theaterwissenschaft hinaus konzeptualisiert dieses Projekt die Bühne als ein agonistisches Feld, auf dem Machtverhältnisse, Staatsbürgerschaft und Grenzrekonfigurationen aktiv ausgehandelt werden.
Die Studie ist im Kontext des sich wandelnden Migrationsparadigmas in Deutschland angesiedelt: der Staatsangehörigkeitsreform von 2024, die ursprünglich auf Pluralismus abzielte, und den darauffolgenden gesetzlichen Verschärfungen im Jahr 2025 unter Bundeskanzler Friedrich Merz, die assimilationistische Anforderungen wieder einführten.
Durch die Analyse von Performance als „performativen Akt der Staatsbürgerschaft“ untersucht die Arbeit, wie queere Körper im Exil homonationalistische Exklusion und den „Remigrations“-Agenden der extremen Rechten Widerstand leisten. Letztlich argumentiert dieses Projekt, dass queere Performances nicht bloße kulturelle Ausdrucksformen sind, sondern radikale politische Interventionen, die die „Eindimensionalität“ des deutschen Staates herausfordern.Viktoria Eberhardt: Bedrohliche Muslime und gefährliche Obdachlose. Homonationalistisch-rassistische und klassistische Narrative in der LGBTIQ+ Community Wiens und deren regionalpolitische Kontextualisierung
Die LGBTIQ+ Community wird häufig als progressiv und antidiskriminatorisch angesehen, als politischer Gegensatz zu rechten Parteien, Bewegungen und Ideologien. In den letzten zehn Jahren entwickelten Aktivist:innen und Forscher:innen zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass diese polarisierte Denkweise der Komplexität und Heterogenität der Community nicht gerecht wird. Die Grenzen zwischen der extremen Rechten und LGBTIQ+ Communities verschwimmen entlang eines homonationalistischen Diskurses, der den Kampf um LGBTIQ+ Rechte mit Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit vermischt.
Die Dissertation stützt sich sowohl auf qualitative als auch quantitative Methoden, um das Verständnis für homonationalistischen Rassismus innerhalb der LGBTIQ+ Community Wiens zu vertiefen. Es handelt sich um eine Sekundäranalyse von Datenmaterial, das im Rahmen einer Online-Befragung für das von der Stadt Wien finanzierte Forschungsprojekt Queer in Vienna II erhoben wurden. Die Doktorandin war Teil des Forschungsteams. Die Befragung, die zwischen Juni 2024 und November 2024 durchgeführt wurde, erreichte insgesamt 4.581 Teilnehmer:innen in Wien. Damit handelt es sich um die größte Stichprobe für diese Zielgruppe, die bislang erhoben wurde. Die Analyse konzentriert sich auf die Narrative von „gefährlichen muslimischen Anderen“, Parallelen zu kolonialen Diskursen und den Zusammenhängen zwischen Homonationalismus und Klassismus spezifisch im Wiener Kontext.Julia Teresa Höhl: Queere Grenzfiguren als Kulminationspunkte anti-feministischer und homo(trans)nationalistischer Mobilisierungen am Beispiel Österreich
Beginn: 02/2026
Die Arbeit untersucht, wie antifeministische Akteur*innen sozioökonomische Krisen über queere Grenzfiguren verhandeln und welche Rolle Queer- und Transfeindlichkeit dabei für antifeministische Diskurse und Mobilisierungen in Österreich spielt. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass antifeministische Angriffe als autoritär-regressive Formen der Krisenbearbeitung verstanden werden können. Analytisch werden „Moral Panics“ um Drag bzw. „Drag Panics“ in den Blick genommen. Es wird danach gefragt, mit welchen gesellschaftlichen Bedrohungsszenarien queere Grenzfiguren verknüpft werden, wie über sie Konflikte um geschlechtliche und sexuelle Ordnungen, Demokratie und nationale Zugehörigkeit ausgetragen werden und welche diskursiven Grenzziehungen dabei entstehen. Methodisch verfolgt die Arbeit einen Mixed-Methods-Ansatz, bei dem eine Critical Frame Analysis mit politikwissenschaftlicher Akteurs- und Netzwerkanalyse kombiniert wird. So können Diskurskoalitionen sowie rhetorisch-strategische Muster antifeministischer Akteur*innen kartiert und visualisiert werden. Ziel ist es, die Funktion queerer Grenzfiguren als Kulminationspunkte antifeministischer und homo(trans)nationalistischer Mobilisierungen sowie ihre Einbettung in breitere gesellschaftliche Krisendynamiken herauszuarbeiten.Núbia Sanches Martins: Queer Subjectivities Vis-à-vis Far-Right Wing Discourses. Digital Media and the Challenging of Spaces of (Non-)Belonging
Beginn: 10/2025
Die Digitalisierung des Alltags hat die Art und Weise, wie Informationen produziert, verbreitet und konsumiert werden, sowie die Interaktion der Menschen untereinander und mit ihrer Umgebung grundlegend verändert. Digitale (soziale) Medien haben sich zu einem zentralen Raum für politische Mobilisierung entwickelt, der es verschiedenen Akteuren ermöglicht, Botschaften zu verbreiten und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Rechtsextreme Bewegungen haben diese Plattformen jedoch instrumentalisiert, um Falschinformationen und ausgrenzende Narrative zu verbreiten, die sich gegen marginalisierte Gemeinschaften richten, darunter auch LGBTQAIN*-Personen. Dies führt zu Diskriminierungsmustern, die queeren Menschen erhebliche Hindernisse bei der Aushandlung ihrer Identität und der Erlangung von Zugehörigkeit auferlegen, insbesondere in Kontexten, die von zunehmenden Anti-Gender-Stimmungen geprägt sind. Diese Forschung untersucht die Beziehung zwischen digitalem LGBTQAIN*-Aktivismus und rechtsextremer digitaler Politik in Brasilien und Polen. Sie analysiert die digitalen Strategien, die LGBTQAIN*-Aktivist*innen anwenden, um Zugehörigkeit auszuhandeln und anti-LGBTQAIN*-Diskursen zu widerstehen, während sie gleichzeitig Gegennarrative konstruieren, die Inklusion und Vielfalt fördern.Tarek Shukrallah: Global Capitalism, Local Intersections. LGBTQ Politics in Tunisia (laufend)
Beginn: 04/2025
In der Promotionsforschung beschäftigt sich Tarek Shukrallah mit queeren Politiken in Tunesien seit der Revolution 2010/11. Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei die Perspektiven von LSBTQ-Aktivist*innen in ihren politischen Praxen. Dabei hat das partizipative Forschungsprojekt zwei Foki. Zum einen werden die Analysen und daraus resultierenden Praxen von LSBTQ-Aktivist*innen in Tunesien im Umgang mit intersektionalen und postkolonialen (Herrschafts-)Verhältnissen in den Blick genommen. Daraus folgt, zum anderen, eine kritische Auseinandersetzung mit homonationalistischen, kolonialen sexualpolitischen Grenzziehungsprozessen, in der die Handlungsmacht queerer Akteur*innen in Tunesien Ausgangspunkt für kritische Theoriebildung ist.