Abgeschlossene Projekte
„Temporalitäten der Ökonomik. Die Modellform ökonomischer Theorie“
Weitere Informationen unter:
http://www.aesthetische-eigenzeiten.de/projekt/oekonomik/beschreibung/
- im DFG-Schwerpunktprogramm „Ästhetische Eigenzeiten. Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne“
(Dr. Sebastian Giacovelli)
"The Temporalities of Economics. The Model Form of Economic Theory"
The project investigates the emergence of modeling techniques in economics, in particular econometrics and financial economics, since the second half of the 19th century. At the core of the project is the reconstruction of models of economic temporality as they refer to the problem, emerging in modernity, of future’s contingency, that is, to the temporalization of contingency. The project starts out from a constructivist reading of sociological theories of societal differentiation, arguing that the emergence of societal subsystems comes along with the crystallization of semantics that not only reduce contingency but also produce a meaning surplus. In the case of the differentiation of economics in the second half of the 19th century, this process materializes in an increasing attention toward mathematical models. These models presuppose the construction of an auto-referentiality based on mathematical symbols which are radically decoupled from any substantial signifier outside the mathematical model, thus enabling economics to produce surplus meaning through the ‘discovery’ of formal patterns in the models. Thereby, the emergence and development of such mathematized economic models is bound up with the necessity to work the temporalization of contingency by making such contingency computable in formal models. The proposed project thus refers to the agenda of the SPP 1688 "Ästhetische Eigenzeiten” through the argument that temporality prominently figures in those models as they attempt to cope with the temporalization of contingency through their specific formal shape.
The project’s empirical basis, which will be investigated through a discourse-analytically oriented sociology of knowledge (in particular qualitative content analysis), is a series of turning points in economic modeling, starting out with the marginal utility approach since the 1860s and ending with contemporary discussions in mathematical finance. The genealogical reconstruction of model forms and their temporal implications pays particular attention to challenges and critiques issued against the models and the reactions to those critiques. The data corpus comprises academic publications such as monographs, journal articles, and edited volumes. Equal importance is dedicated to interrelations between economics and other scientific disciplines as they impact on the articulation of economic temporality in the models (for instance, mechanics in the case of marginal utility theory, ecology in the case of equilibrium theory, and psychology as concerns Behavioral finance), as well as to the tracing of ‘successful’ argumentative patterns but also of those which have been left behind (such as, for instance, the marginalization of the theory of rational expectations in contemporary finance).
Polychronie des Marktes. Neoklassische Temporalität in Projekten wirtschaftlicher Ordnung seit den 1970er Jahren
Weitere Informationen unter: http://www.aesthetische-eigenzeiten.de/projekt/polychronie/beschreibung/ – im DFG-Schwerpunktprogramm „Ästhetische Eigenzeiten. Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne", 2. Förderphase
(Dr. Sebastian Giacovelli)
Das Projekt untersucht die Bedeutung der Polychronie wirtschaftswissenschaftlicher Theoriemodelle neoklassischer Provenienz bei der Projektierung und Institutionalisierung wettbewerbszentrierter Wirtschaftsordnungen und -politiken seit den 1970er Jahren. Die Polychronie jener Theoriemodelle ist dem Umstand geschuldet, dass diese stark formalisierten Modelle unterschiedliche zeitliche Ausdeutungen zulassen und daher bei ihrer Implementierung in Form von Wirtschaftsordnungen eine Dynamik von temporaler Vereinheitlichung und temporalem Ambiguitätsaufbau bewirken. Diese Dynamiken werden theoretisch mittels eines Begriffs der Aisthesis gefasst und als Kern der kulturellen Institutionalisierung neoklassischer Modelle verstanden. Das Projekt stellt sich somit Diagnosen entgegen, welche die Dominanz von durch neoklassische Prämissen beeinflussten, auf Wettbewerbsmärkten basierenden Wirtschaftsordnungen mit der Dominanz eines bestimmten Zeitlichkeitsmodus (etwa zunehmende Kurzfristigkeit) bzw. einer bestimmten temporalen Tendenz (etwa Beschleunigung) in Verbindung bringen. Die Arbeitshypothese lautet, dass gerade die Polychronie neoklassischer Theorieentwürfe ein begünstigender Faktor bei der Etablierung wettbewerbszentrierter Wirtschaftsordnungen und -politiken ist, weil sie es erlaubt, die Theoriemodelle mit unterschiedlichen politisch-ökonomischen Zeithorizonten zu verknüpfen und auf diese Weise kulturell zu institutionalisieren.
Diese kulturelle Institutionalisierung der Neoklassik wird empirisch in Form von Fallstudien an vier prominenten Stationen der Implementierung wettbewerbszentrierter Wirtschaftsordnungen untersucht: der Herausbildung des Washington Consensus und der damit verbundenen Formalisierung von Strukturanpassungsmaßnahmen des Internationalen Währungsfonds; der Umgestaltung marktwirtschaftlicher Ordnungen nach einem wettbewerbszentrierten Modell in Großbritannien und den USA unter Thatcher und Reagan; der marktradikalen Schocktherapien in Polen und Russland Anfang der 1990er Jahre; und anhand des aktuellen Umgangs mit der Staatsschuldenkrise in der Eurozone.
( http://www.aesthetische-eigenzeiten.de/projekt/polychronie/beschreibung/ )
Wahlen, Abstimmungen und Umfragen als Faktoren in der Konfliktdynamik Russland/Ukraine. Teilprojekt des LOEWE-Schwerpunkts „Konfliktregionen im östlichen Europa“
Weitere Informationen unter http://www.konfliktregionen.de/forschung/fallbeispiele/wahlenabstimmungenumfragen im LOEWE-Schwerpunkt „Konfliktregionen im östlichen Europa“
(Sophie Schmäing)
Zwischen Majdan und Wahlurne: Symbolik und Performanz von Mehrheitsentscheidungen in der russisch-ukrainischen Konfliktdynamik
Das Projekt erforscht die konstituive, aber auch konfliktive Rolle von Praktiken direkter und repräsentativer Demokratie für die Bildung neuer politischer Gemeinschaften in der Ukraine und in Russland im Gefolge der ukrainischen Massenproteste der Jahre 2013-14. Meine Ausgangsthese ist, dass Mehrheitsentscheidungen durch Wahlen und Referenden einen ausschlaggebenden Einfluss auf die russisch-ukrainische Konfliktdynamik und deren Deutungen hatten. Im Gegensatz zu den Entscheidungen und Forderungen der Proteste auf dem Majdan, die als konsensbasiert artikuliert wurden, inkorporierten diese Wahlpraktiken unterschiedliche Teile von Staat und Gesellschaft, um politische Entscheidungen als Mehrheitsentscheidungen zu legitimieren. Das Projekt zielt darauf ab, das konflikthafte Wechselspiel zwischen diesen verschiedenen Praktiken demokratischer Entscheidungsfindung in Hinblick auf ihre Fähigkeit zu analysieren, Gesellschaften symbolisch in Mehrheiten und Minderheiten zu spalten und Gefühle der Zugehörigkeit (feelings of belonging) zu schaffen. Auf diese Weise soll auch eine neue Perspektive sowohl auf dominierende Identitätsdiskurse in der Ukraine als auch auf Dynamiken innerhalb der russischen Gesellschaft ermöglicht werden. Auf theoretischer Ebene schließt das Projekt an aktuelle Debatten zur Krise der repräsentativen Demokratie und der wachsenden Rolle von Protestbewegungen für das gesellschaftliche Selbstverständnis an und ergänzt Zugänge der Konfliktforschung um eine soziologisch-kulturwissenschaftliche Dimension.
Jeden Tag nutzen wir verschiedene Wege für digitale Zahlungen. Ob mit EC-Karte, Kreditkarte oder per App – allen diesen unbaren Formen des Bezahlens ist eine Eigenschaft gemeinsam: Sie hinterlassen Spuren. Transaktionsdaten bieten sensible Einblicke in die Lebenswelt der Nutzer:innen, wodurch sie von großem Interesse für Werbetreibende sind. Ähnlich wie datengetriebene Plattformen, deren Geschäftsmodell in der Nutzung bzw. dem Verkauf von Daten besteht, dürfte dies auch auf Akteure im Zahlungsverkehr zutreffen. Trotz dieser Sensibilität von Transaktionsdaten, ist bisher nur wenig über Ihre kommerzielle Verwendung bekannt. Insbesondere die Frage, welche Technologien welche Arten der Datenverwendung ermöglichen, ist nicht differenziert geklärt.
Hier setzt das Ad-Hoc Vorhaben an. Es erarbeitet einen Überblick über die Verwendung von Transaktionsdaten verschiedener Zahlungsdienstleister. Anhand von Fallstudien sollen Kriterien für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Transaktionsdaten erarbeitet werden. Dazu soll eine Systematik aufgestellt werden, die durch ein „Datenschutz-Scoring“ (denkbar im Sinne einer „Datenschutzampel“) abgebildet wird. Ziel ist es verschiedene Bezahlverfahren entlang ihrer Datenschutzimplikationen zu bewerten.
Die Frage, wie Finanzakteure Transaktionsdaten nutzen können, ist darüber hinaus eng mit Fragen der Regulierung verknüpft und hat starke normative Implikationen: Im Zuge einer regulatorisch herbeigeführten Marktliberalisierung haben EU-Regulierungen den Zugang zu Transaktionsdaten für datengetriebene Zahlungsakteure erheblich erleichtert und damit den Marktzugang für FinTechs und BigTech vereinfacht. Das Vorhaben verbindet somit regulatorische Fragen mit der Analyse technologischer Ausgestaltung und normativen Implikationen. Indem das Projekt zusammenträgt, wie Transaktionsdaten derzeit kommerziell genutzt werden, erarbeitet es die Grundlage für Diskussionen, wie Transaktionsdaten zukünftig genutzt werden könnten.
Projektleitung
Dr. Carola Westermeier, Justus-Liebig-Universität Gießen
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Marek Jessen, Justus-Liebig-Universität Gießen
weitere Informationen: https://zevedi.de/themen/geld-als-datentraeger/
Seit einigen Jahrzehnten beobachten wir die zunehmende Digitalisierung von Zahlungsdiensten sowie die Entmaterialisierung von Geld. Diese Entwicklung bedeutet weit mehr als nur den Wechsel von einem analogen zu einem digitalen Medium, denn im Gegensatz zu Zahlungen mit Bargeld sind digitale Transaktionen auf private Infrastrukturen angewiesen und können leichter nachvollzogen werden. Digitale Zentralbankwährungen wie der digitale Euro (der neben das Bargeld treten würde) reihen sich in den skizzierten Trend ein, gestalten ihn aber auch unter anderen Vorzeichen. Denn mit der Einführung des digitalen Euro würde eine digitale Zahlungsinfrastruktur nicht von privaten Anbietern, sondern von einer öffentlichen Institution – der EZB – zur Verfügung gestellt werden.
Während in der öffentlichen Debatte über den digitalen Euro bisher vor allem technologische und ökonomische Fragen im Vordergrund stehen, weitet die Projektgruppe die Perspektive und nimmt unterschiedliche normative Aspekte des digitalen Euro in den Blick. Besonders bedeutsam sind insoweit der Zugang zu finanzieller Infrastruktur, die Machtverhältnisse im digitalen Zahlungsverkehr, der Datenschutz und die potenziellen Risiken für die monetäre Souveränität Europas. So entsteht ein umfassendes Bild der vielfältigen Herausforderungen und Chancen, die mit der Einführung des digitalen Euro einhergehen würden.
Der Beitrag der Justus Liebig Universität ist hierbei die Untersuchung der normativen Implikationen für die Entwicklung und die politischen Verhandlungen um den digitalen Euro, mit besonderem Fokus auf dem Datenschutz. Denn obwohl der digitale Euro großes Potenzial hat, steht der Schutz der Privatsphäre in einem Spannungsfeld mit der Durchsetzung von Strafverfolgungsmaßnahmen und dem Bedarf an technologischer Innovation. Unser Ziel ist es, die laufenden Debatten und Verhandlungsprozesse zu analysieren und die damit verbundenen Herausforderungen für den Schutz der Privatsphäre kritisch zu beleuchten.
Link zu der ZEVEDI Homepage: https://zevedi.de/themen/dino/
The project examines social strategies to cope with risks and uncertain futures at the intersection of climate politics and finance. Adopting a theoretically informed perspective that draws on methods of qualitative social research the project looks at the ways stakeholders from civil society, politics, and finance frame and cope with the effects of a transition towards a low-carbon economy in the financial sector. Empirically, the project focuses on controversies around the issues of “carbon bubble” and “stranded assets”, that is, the ecologically and economically controversial problem that a consistent implementation of international climate goals could contribute to a massive devaluation of the financial assets of fossil capitalism (especially fuel reserves and energy infrastructures). The topic, which was first brought up for discussion by non-governmental organizations, meanwhile has also caught the attention of key players in the financial sector as well as financial regulators raising the question of how to govern the risks of a devaluation of carbon-intensive assets, so-called transition risks. By looking at the problematization process in financial publics as well as the governance of transition risks, the project illuminates two crucial sites where heterogenous actors try to align cognitive economic expectations with global climate goals.
In a first step, the project examines the cognitive and normative framings that have carved out “carbon bubble” and “stranded assets” as financial problem spaces. The project addresses finance not just as an economic but also as a political field of action and focusses on new forms of public engagement that strategically target the risk sensitivity of financial markets to enforce a climate protection agenda. In a second step, the project analyses modes of governing transition risks. It focusses on regulatory initiatives that seek to render transition risks measurable and therefore manageable by strengthening climate related financial information in corporate reporting practices. The project thus seeks to identify a new form of financial risk governance that attempts to modify economic expectations by addressing the informational infrastructure of financial markets.
The project seeks to highlight the opportunities, limits and paradoxes of attempts to implement a climate protection agenda in finance. In particular, it examines whether translating climate related indicators into financial information runs risk to compromise environmental concerns. Politicizing financial markets for climate protection purposes could potentially backfire if this contributes to a financialization of climate politics. Combining empirical analysis with theoretical reflection, the project substantially contributes to the analysis of contemporary societies by critically illuminating the entanglements between financial and climate risks, which scholars widely regard as key elements of the “world risk society.”
Im Rahmen des gemeinsamen Sonderforschungsbereichs/Transregio 138: "Dynamiken der Sicherheit. Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive" der Universitäten Gießen und Marburg Leitung der beiden Projekte:
- gemeinsam mit Prof. Conze (Marburg) Leitung des Integrierten Graduiertenkollegs .
- C05 Finanzinfrastrukturen und geoökonomische Sicherheit (Teilprojekt des gemeinsamen Sonderforschungsbereichs/Transregio 138)