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Ambivalente Ikone: Martha Mendel im Nationalsozialismus.

Vortrag

Wann

14.10.2025 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC200)

Wo

Museum für Gießen Brandplatz 2 35390 Gießen

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Teilnehmer

für alle Interessierten offen

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Martha Mendel gehört zu den feministischen Ikonen des Segelflugs: Sie gründete die erste weibliche Segelfluggruppe und erzielte im April 1935 einen Weltrekord im Dauersegelflug.
Sie gehörte zu den Pionierinnen, die den Sport des Segelflugs so auch für Frauen erschlossen. In Gießen ist sogar eine Straße, der Martha-Mendel-Weg, der zum Flugplatz Gießen-Wieseck führt, nach ihr benannt. 
Weniger bekannt ist, dass das Fliegen zur Zeit des Nationalsozialismus keine neutrale oder unpolitische Tätigkeit darstellte. Viele Fliegerinnen waren so auch in Propagandashows des Regimes eingebunden. Martha Mendel war durch den Segelflug Teil des NS-Fliegerkorps. Auch in anderen NS-Organisationen war sie Mitglied, in der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt war sie als Blockwart tätig.
Als Lehrerin war sie Teil des Regimes und wurde noch während der Zeit des Nationalsozialismus verbeamtet. Gleichzeitig war Martha Mendel lesbisch und war so von der NS-Homosexuellenpolitik betroffen: Im Nationalsozialismus wurden mit dem Paragraphen 175 insbesondere schwule Männer wegen Homosexualität verfolgt und in Konzentrationslagern mit dem rosa Winkel interniert. Lesbische Frauen waren in diese systematischen Homosexuellenverfolgung nicht inkludiert. Gleichzeitig waren sie auch nicht sicher vor Verfolgung, denn auch wenn das NS Regime auf eine ausdrückliche Kriminalisierung weiblicher Homosexualität verzichtete, wurden zahlreiche lesbische Frauen, meist in Verbindung mit anderen Zuschreibungen wie „Asozialität“, „Kriminalität“ oder als Jüdinnen oder Kommunistinnen, verfolgt und in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet.
 
Der Vortrag zeigt am lokalen Beispiel Martha Mendel, wie unterschiedlich Lebenswege von Lesben im Nationalsozialismus aussehen konnten: denn als „arisch“ geltende Lehrerin war Martha Mendel trotz offener Homosexualität zwar mit homofeindlichen Vorurteilen konfrontiert, nicht aber von Verfolgung bedroht.
 
Zur Referentin:
 
Die Gießener Soziologin Randi Becker führte im Rahmen von Lehraufträgen Studienprojekte mit Lehramtsstudierenden an der JLU Gießen zu lokalen Frauenbiografien im Nationalsozialismus durch, die in die Veröffentlichung einer Broschüre zu „Gießener Frauen im Nationalsozialismus“, sowie einer Wanderausstellung zu „Mittelhessischen Frauen im KZ Ravensbrück“ mündeten. Hauptamtlich arbeitet sie in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung und promoviert im Rahmen der Antisemitismusforschung an der Universität Passau.