Wider das Vergessen: Der Theologe und Orientalist Paul Kahle (1875-1964) in den Speichen der NS-Diktatur
Vortrag des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen
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- Wider das Vergessen: Der Theologe und Orientalist Paul Kahle (1875-1964) in den Speichen der NS-Diktatur
- 2026-01-21T19:00:00+01:00
- 2026-01-21T20:30:00+01:00
- Vortrag des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen
21.01.2026 von 19:00 bis 20:30 (Europe/Berlin / UTC100)
Netanyasaal, Altes Schloss, Brandplatz, Gießen
Der erste Vortrag des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen im neuen Jahr findet statt am Mittwoch, den 21. Januar 2026, wie üblich um 19 Uhr im Netanya-Saal, im Alten Schloss am Brandplatz. Thema ist der Theologe und Orientalist Paul Kahle (1875-1964), der in die Speichen der NS-Diktatur geriet. Referentin ist Christine Schirrmacher, Professorin für Islamwissenschaft an den Universitäten Bonn und Leuven/Belgien.
Mit Gießen verbindet Paul Kahle seine Berufung auf einen ersten Lehrstuhl für Orientalistik 1914 sowie seine Eheschließung mit Marie, geb. Gisevius, im Jahr 1917, der Tochter des Universitäts-Kollegen Paul Gisevius. In Gießen fand Paul Kahle auch seine letzte Ruhestätte auf der Grabstätte Gisevius auf dem (Neuen) Friedhof am Rodtberg; eine 2015 angebrachte Namenstafel erinnert an ihn.
Paul Ernst Kahle (1875-1964) ist einer der bedeutendsten Vertreter der Orientalistik des 20. Jahrhunderts. Er studierte ab 1894 Theologie in Halle und war bis 1908 Pfarrer in Brǎila, Rumänien, und in Kairo, Ägypten, wandte sich dann aber ganz der Erforschung der Textgeschichte der Hebräischen Bibel und der Orientalistik zu. Er forschte auch zur Geschichte des chinesischen Porzellans, der Mineralogie und dem Schattenspieltheater Ägyptens in der frühen Neuzeit, sowie zur Seefahrerkunde des 16. Jahrhunderts, nachdem er die lange verschollen geglaubte Seekarte von Christoph Kolumbus 1928 wieder auffinden konnte.
Ab 1923 war Paul Kahle Direktor des Orientalischen Seminars in Bonn und wurde rasch weltberühmt. Diese Karriere fand 1938 mit seiner Entlassung aus der Universität ein abruptes Ende. Seine Ehefrau Marie Kahle (1893-1948), die in Bonn zur entschiedenen Gegnerin der Nazi-Herrschaft geworden war, hatte nach der „Reichskristallnacht“ jüdischen Freunden beim Aufräumen ihres zerstörten Geschäfts geholfen. Danach begann in Bonn eine regelrechte Hetzjagd gegen Familie. Marie Kahle konnte 1939 die ganze Familie in letzter Minute in England in Sicherheit bringen.
Die Referentin: Prof. Dr. Christine Schirrmacher ist Professorin für Islamwissenschaft an den Universitäten Bonn und Leuven/Belgien. Als Gutachterin, Gastdozentin, sowie als Mitglied verschiedener Kuratorien berät sie auf Bundes- und Länderebene zu Menschenrechts- und Integrationsfragen, Muslimfeindlichkeit und Sicherheitspolitik. Von 2000 bis 2022 war sie Gastdozentin an der „Akademie Auswärtiger Dienst“ (ehemals Diplomatenschule) des Auswärtigen Amtes, Berlin, seit 2007 ist sie Gastdozentin bei Landes- und Bundesbehörden der Sicherheitspolitik und hält für verschiedene Ministerien Inhouse-Seminare zu aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten. Sie ist Mitglied des Zentrumsrats des „Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS)“ der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität, Bonn, des Wissenschaftlichen Beirats des „Bundes Deutscher Kriminalbeamter“ (BDK), Berlin, sowie des Wissenschaftlichen Beirats des „Zentrums für Analyse und Forschung (ZAF)“ des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Berlin. Am Land- bzw. Amtsgericht Bonn ist sie seit 2019 ehrenamtlich als Schöffin tätig. Sie veröffentlichte rund 25 Bücher und zahlreiche Aufsätze zu Themen des islamischen Rechts und der islamischen Theologie, sowie zu Frauen-, Menschen- und Minderheitenrechten in Nahost.
Vorschau:
Der nächste Vortrag findet statt am 4. Februar 2026. Henriette Stuchtey, Gießen, stellt ihre Forschungsergebnisse vor: „Für das gesetzestreue Judentum“. Die israelitische Religionsgesellschaft und ihre Synagoge in der Steinstraße im Kontext des jüdischen Gemeindelebens in Gießen.