Thomas Wagner: Adorno und Gehlen: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik
Vortrag und Diskussion mit Thomas Wagner (Berlin).
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- Thomas Wagner: Adorno und Gehlen: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik
- 2024-01-24T18:00:00+01:00
- 2024-01-24T20:00:00+01:00
- Vortrag und Diskussion mit Thomas Wagner (Berlin).
24.01.2024 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC100)
ONLINE
Aufgrund des Bahnstreiks kann die Veranstaltung nur online stattfinden. Aus technischen Gründen wird der Vortrag um 18 Uhr (c.t.) beginnen - eine Stunde später als ursprünglich geplant.
Vortrag und Diskussion
Adorno und Gehlen: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik
»Wie schlimm Gehlen ist, davon haben wir uns kaum eine Vorstellung gemacht.« Mit diesen Worten wandte sich Theodor W. Adorno am 23. April 1958 mit kaum zu überbietender Deutlichkeit in einem internen Gutachten gegen die Berufung seines Kollegen auf einen Lehrstuhl in Heidelberg: In Arnold Gehlens Theorie sei »das gesamte Instrumentarium des Faschismus« beisammen. Während Adorno von den Nazis ins Exil gezwungen worden war, hatte Gehlen als Parteimitglied eine glänzende Karriere hingelegt und dem Regime mit einer »Philosophie des Nationalsozialismus« den eigenen Stempel aufdrücken wollen. Wieso traf sich Adorno nur wenige Jahre später mit dem »Demokratieverächter« zu einer Reihe von Radio- und Fernsehgesprächen, die von gegenseitigen Privatbesuchen der Ehepaare sowie einem über mehrere Jahre fortgesetzten Briefwechsel flankiert wurden?
In seinem kommenden Buch erzählt Thomas Wagner die Geschichte dieser Begegnung und gibt dabei tiefe Einblicke in die intellektuelle Frühgeschichte der Bundesrepublik, in der sich die Soziologie nach der Geschichte und der Philosophie als neue Leitwissenschaft, als bevorzugtes Medium der gesellschaftlichen Selbstreflexion etabliert, woran ehemalige Nationalsozialisten einen heute zuweilen unterschätzten Beitrag hatten. Sie standen für einen rechten, antiliberalen Blick auf die Moderne. Wenn Adorno und die Kritischen Theoretiker in Frankfurt heute als wichtige Protagonisten der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik betrachtet werden, könnte man Gehlen, den Gegner jedweden rückwärtsgewandten Traditionskonservatismus als Gründervater wider Willen bezeichnen. Jedenfalls wusste er mit seiner auf dem neuesten Erkenntnisstand der Naturwissenschaften gründenden Philosophischen Anthropologie und seiner Auseinandersetzung mit der Malerei der Moderne nicht wenige linke Intellektuelle zu beeindrucken. Was aus der Soziologie, die er »administrative Hilfswissenschaft« verstanden wissen wollte, in den sechziger Jahren wurde – eine Instanz radikaler Gesellschaftskritik – missfiel ihm allerdings sehr. Wie ein Zauberlehrling, der den Geist, den er gerufen hatte, nun nicht mehr los wurde, erklärte Gehlens einflussreichster Schüler und langjährige Freund Helmut Schelsky, der ein begeisterter Nationalsozialist gewesen war, eine Mitschuld seiner Disziplin am linken Zeitgeist. Er bekannte, zum »Anti-Soziologen« geworden zu sein.
Am 24.01. wird Thomas Wagner im Rahmen des Politische Theorie Kolloquiums und der GGS-Sektion "Menschenrechte und Demokratie" sein neues Buchprojekt vorstellen und diskutieren. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Es gibt auch die Möglichkeit der Online-Teilnahme. Der Zugangslink wird nach Anmeldung bei Hannes Kaufmann (Hannes.s.kaufmann@sowi.uni-giessen.de) verschickt.
Thomas Wagner, geb. 1967, ist Publizist, Autor für u.a. Der Freitag, WOZ, Die Welt, NZZ, FAZ. Zuletzt erschienen: Fahnenflucht in die Freiheit (2022), Der Dichter und der Neonazi (2021), Herrschaftsfreie Institutionen (2019, mit R. Haude), Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten (2017).
