Gender StudiesIm Forschungsbereich Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender Studies steht die Analyse und Kritik historischer und gegenwärtiger Geschlechterverhältnisse unter dem Gesichtspunkt der Intersektionalität im Mittelpunkt. Dazu werden die Komplexität und Heterogenität der Kategorie Geschlecht in Zusammenspiel mit weiteren Kategorien wie etwa Ethnizität, Klasse, Religion und Sexualität untersucht.https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb03/institutefb03/ifp/forschung/bereiche/gender_studieshttps://www.uni-giessen.de/@@site-logo/logo.png
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Gender Studies
Im Forschungsbereich Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender Studies steht die Analyse und Kritik historischer und gegenwärtiger Geschlechterverhältnisse unter dem Gesichtspunkt der Intersektionalität im Mittelpunkt. Dazu werden die Komplexität und Heterogenität der Kategorie Geschlecht in Zusammenspiel mit weiteren Kategorien wie etwa Ethnizität, Klasse, Religion und Sexualität untersucht.
Der Forschungsbereich Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender Studies beschäftigt sich mit dem komplexen Verhältnis von Geschlecht und politischen Ordnungs-, Konstruktions- und Normierungsprozessen und fragt nach der regulierenden Produktivität von Geschlechternormen oder -regimen. Die Organisation, Deutung und Ausgestaltung von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen wird in dem Forschungsbereich als ein politischer Prozess mit historischer, intersektionaler und transnationaler Tiefendimension und somit als grundlegendes Machtverhältnis reflektiert. Die Basis ist hierfür ein gesellschaftstheoretisches Verständnis ‚des Politischen‘: Eine Analyse von ‚Politik‘ und ‚das Politische‘ beschränkt sich nicht auf formaldemokratische oder staatlich-institutionelle Räume, sondern auch vermeintlich als ‚privat‘ geltende Bereiche und Verhältnisse (wie Sexualität, Intimität, Haus- und Pflegarbeit) werden in dem Forschungsbereich als zentrale Gegenstände von Politikwissenschaft begriffen.
Untersucht werden u.a. die Bedeutung von Geschlecht für Staatlichkeit und die (Re-)Produktion und Legitimation politischer Ordnungen, aktuelle geschlechter- und sexualpolitische (Deutungs-)Kämpfe und Mobilisierungen im Zusammenhang mit Demokratie und Teilhabe sowie die Bedeutung von Sexualität und Geschlecht für nationale bzw. geopolitische Grenzziehungsprozesse. Im Fokus steht dabei jeweils die Frage, wie und in welcher Weise Geschlecht und Sexualität, aber auch z.B. LGBTIQ+ Rechte, als ambivalente Kulminationspunkte aktueller Auseinandersetzungen um ‚Demokratie, ‚Zugehörigkeit‘, ‚Menschenrechte‘, ‚Migration‘ oder ‚Modernität‘ fungieren bzw. mobilisiert werden. Darüber hinaus beschäftigt sich der Forschungsbereich mit den Politiken und Artikulationen von sozialen Bewegungen (u.a. feministische, LGBTIQ+ oder Menschenrechtsbewegungen) im Kampf um Gleichstellung, soziale Gerechtigkeit und demokratische Inklusion. Diese werden insbesondere vor dem Hintergrund postkolonialer Konstellationen, transnationaler Verflechtungen sowie eines erstarkenden autoritären Rechtspopulismus und Antifeminismus analysiert.
Geschlecht, Geschlechterverhältnisse und Geschlechterordnungen werden am Forschungsbereich folglich im Kontext ihrer transnationalen und intersektionalen Interdependenzen mit prägenden gesellschaftlichen Ungleichheits- und Diversitätsdimensionen (wie z.B. ökonomischer Status/Klasse, Rassismus, Antisemitismus, Sexualität/Heteronormativität, Staatsbürgerschaft, Behinderung/Körperlichkeit) analysiert sowie als politisch umkämpfte und historisch kontingente Phänomene verstanden. Der Forschungsbereich Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender Studies legt besonderen Wert auf transformative Methodologien und Perspektiven aus dem Bereich der feministischen, queeren, de-/postkolonialen sowie der kritischen Diskriminierungs-, Antisemitismus- und Rechtsextremismus- und Demokratieforschung.
Das Kooperationsprojekt „LSBTIQ* Bewegungen und Demokratie: Geschichte, Gegenwart und Zukunft” beschäftigt sich mit der Rolle und Bedeutung von LSBTIQ* Bewegungen für Demokratisierungsprozesse in Deutschland und Österreich. Es untersucht, ob und in welcher Weise LSBTIQ* Bewegungen als potentielle Katalysatoren im Kampf um inklusivere Demokratien fungieren. Ebenso wird nach unterschiedlichen Perspektiven auf Demokratie und demokratische Teilhabe innerhalb dieser Bewegungen gefragt. Wie lassen sich Kämpfe um queere Rechte als Mobilsierungen für Demokratisierung begreifen? Wie hat LSBTIQ* Aktivismus die Grenzen liberaler Demokratien und das damit einhergehende Versprechen einer Gleichheit aller Bürger*innen herausgefordert und gleichzeitig erweitert?
Diese Fragen untersucht ein
transdisziplinäres Team
aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft in Berlin, Gießen und Wien in unterschiedlichen Forschungsprojekten. Das Verbundprojekt versammelt Expertisen aus queeren Archiven, Geschichts- und Politikwissenschaft, Theater- und Tanzwissenschaft sowie aus der Theater und Performancepraxis.
Teilprojekt an der JLU Gießen:
"Liberale Demokratien herausfordern und transformieren: LSGTIQ++-Bewegungen und die demokratisierenden Effekte gegenhegemonialer Praktiken der Staatsbürger*innenschaft"
Das an der Professur für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender Studies an der Justus-Liebig-Universität Gießen angesiedelte Teilprojekt untersucht anhand aktivistischer Praxen innerhalb von LSBTIQ*-Bewegungen in Deutschland Prozesse demokratischer Transformation und Innovation. In kritischer Zusammenführung von Erkenntnissen aus der sozial- und politikwissenschaftlichen Bewegungsforschung mit Ansätzen aus der queer-feministischen Staatstheorie und Citizenship Studies werden LSBTIQ*-Bewegungen als „Inkubatoren demokratischer Innovation“ und politischen Wandels (Flesher Fominaya/Feenstra 2023; Della Porta 2020) konzeptualisiert.
Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf unterschiedliche Demokratieverständnisse innerhalb von LSBTIQ*-Bewegungen gelegt sowie auf die demokratisierenden Effekte „gegenhegemonialer“ (Field 2007), „dissidenter“ (Sparks 1997) und „aufständischer“ (Holston 2008) Citizenship-Praktiken.
Partner*innen:
Justus-Liebig-Universität Gießen (Prof. Dr. Christine M. Klapeer; Co-Sprecher*in), Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung (PD Dr. Anna Veronika Wendland; Co-Sprecher*in)
Projektbeschreibung
Wann und warum kommt es zu antifeministischen Mobilisierungswellen? Inwiefern sind deren nationalspezifische Artikulationen mit transnationalen Grenzziehungs- und Abgrenzungs-Prozessen verbunden?
Aktuelle antifeministische Mobilisierungen in geschlechterpolitischen Konfliktfeldern wie Familienrecht, Selbstbestimmungsrecht von Frauen, Geschlechtergewalt oder Rechte für LGBTIQ+ werden meist von rechtskonservativen bis extrem rechten und religiös-fundamentalistischen Akteuren getragen. Antifeminismen artikulieren sich einerseits national-spezifisch. Andererseits haben sie auch eine transnationale Dimension und verknüpfen sich mit geopolitischen und national-kulturellen Grenzziehungs- und Abgrenzungs-Prozessen im Kontext globaler Hierarchien sowie post-/kolonialer Konstellationen. Das Projekt GenDem untersucht antifeministische Mobilisierungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals in ihrer transnationalen Verwobenheit und mit historischer Tiefendimension. Die Ausgangsthese ist, dass solche Mobilisierungen verstärkt in Krisen- und Umbruchsituationen auftreten; wenn gesellschaftliche Ordnungen infrage gestellt werden und politische Herrschaftsverhältnisse an Legitimität einbüßen.
Teilprojekt an der JLU Gießen:
Rot-Weiß-Rote Drag Panic(s): Queere Grenzfiguren als Kulminationspunkte anti-feministischer und homo(trans)nationalistischer Mobilisierungen am Beispiel Österreich
LGBTIQ+ Rechte und ‚queere Grenzfiguren‘ (Weber, 2016) stehen zunehmend im Zentrum antifeministischer Angriffe und sogenannter Anti-Gender Mobilisierungen. Das Teilprojekt an der JLU fragt nach der Bedeutung, Rolle und Funktion queerer Grenzfiguren für antifeministische Diskurse, Bewegungsformationen und Akteurskonstellationen in Österreich. Zentral ist dabei die Frage, wie sozioökonomische Krisen über bzw. durch queere Grenzfiguren verhandelt werden. Ziel des Teilprojektes ist es, diese antifeministischen Diskurse, Mobilisierungen und Politiken als Teil autoritärer Krisenbearbeitungsstrategien zu analysieren. Als analytischer Rahmen dienen dabei zwei ‚Drag Panics‘: erstens die antifeministischen und homonationalistischen Mobilisierungen rund um Conchita Wursts Teilnahme am ESC 2013/2014 und zweitens die politischen (Gegen-)Proteste um Drag-Lesungen 2023/2024.
Das Dissertationsprojekt analysiert transnationale Anti-Gender-Akteure bei den Vereinten Nationen mit Fokus auf der Commission on the Status of Women (CSW). Aktuelle Forschungsergebnisse weisen auf eine zunehmende, koordinierte Mobilisierung gegen Frauen- und LGBTIQ*-Rechte hin, die als Anti-Gender-Bewegung verstanden wird, und umfassendere Auseinandersetzungen um politische Ordnung, Werte und Macht widerspiegelt. Als zentraler Ort der globalen Normenbildung sind die Vereinten Nationen zu einer Schlüsselarena dieser Auseinandersetzungen geworden.
Die bisherige Forschung konzentriert sich weitgehend auf nationale Kontexte und religiöse Akteur*innen, wodurch eine systematische Analyse der Anti-Gender-Diskurse in transnationalen Institutionen bisher fehlt. Dieses Projekt setzt daher dort an, indem untersucht wird, wie staatliche und nichtstaatliche Akteure – insbesondere Organisationen mit Beraterstatus und ihre verbündeten Staaten – ihre diskursiven Strategien an verschiedenen Arenen innerhalb der CSW anpassen.
Unter der Konzeption von Diskurs als abhängiger Variable analysiert die Studie wiederkehrende Argumentationsmuster, die zugrunde liegende Vorstellungen von sozialer Ordnung sowie strategische Diskursanpassungen an die jeweilige Arena, durch die Akteur*innen versuchen, ihre Legitimität und Resonanz zu stärken. An der Schnittstelle von Internationalen Beziehungen und Gender Studies angesiedelt, trägt das Projekt zu einem differenzierteren Verständnis der transnationalen Dynamiken der Anti-Gender-Mobilisierung, ihr gegenhegemonialen Potenzials in der globalen Governance sowie der Rolle institutioneller Arenen bei der Konstruktion von Diskursen bei.
Diese Forschungsarbeit untersucht die Rolle queerer diasporischer Performances aus der Türkei und der MENA-Region als eine Form der demokratischen Deliberation innerhalb der gegenwärtigen politischen Landschaft Deutschlands. Über die ästhetischen Grenzen der Theaterwissenschaft hinaus konzeptualisiert dieses Projekt die Bühne als ein agonistisches Feld, auf dem Machtverhältnisse, Staatsbürgerschaft und Grenzrekonfigurationen aktiv ausgehandelt werden.
Die Studie ist im Kontext des sich wandelnden Migrationsparadigmas in Deutschland angesiedelt: der Staatsangehörigkeitsreform von 2024, die ursprünglich auf Pluralismus abzielte, und den darauffolgenden gesetzlichen Verschärfungen im Jahr 2025 unter Bundeskanzler Friedrich Merz, die assimilationistische Anforderungen wieder einführten.
Durch die Analyse von Performance als „performativen Akt der Staatsbürgerschaft“ untersucht die Arbeit, wie queere Körper im Exil homonationalistische Exklusion und den „Remigrations“-Agenden der extremen Rechten Widerstand leisten. Letztlich argumentiert dieses Projekt, dass queere Performances nicht bloße kulturelle Ausdrucksformen sind, sondern radikale politische Interventionen, die die „Eindimensionalität“ des deutschen Staates herausfordern.
Die LGBTIQ+ Community wird häufig als progressiv und antidiskriminatorisch angesehen, als politischer Gegensatz zu rechten Parteien, Bewegungen und Ideologien. In den letzten zehn Jahren entwickelten Aktivist:innen und Forscher:innen zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass diese polarisierte Denkweise der Komplexität und Heterogenität der Community nicht gerecht wird. Die Grenzen zwischen der extremen Rechten und LGBTIQ+ Communities verschwimmen entlang eines homonationalistischen Diskurses, der den Kampf um LGBTIQ+ Rechte mit Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit vermischt.
Die Dissertation stützt sich sowohl auf qualitative als auch quantitative Methoden, um das Verständnis für homonationalistischen Rassismus innerhalb der LGBTIQ+ Community Wiens zu vertiefen. Es handelt sich um eine Sekundäranalyse von Datenmaterial, das im Rahmen einer Online-Befragung für das von der Stadt Wien finanzierte Forschungsprojekt Queer in Vienna II erhoben wurden. Die Doktorandin war Teil des Forschungsteams. Die Befragung, die zwischen Juni 2024 und November 2024 durchgeführt wurde, erreichte insgesamt 4.581 Teilnehmer:innen in Wien. Damit handelt es sich um die größte Stichprobe für diese Zielgruppe, die bislang erhoben wurde. Die Analyse konzentriert sich auf die Narrative von „gefährlichen muslimischen Anderen“, Parallelen zu kolonialen Diskursen und den Zusammenhängen zwischen Homonationalismus und Klassismus spezifisch im Wiener Kontext.
Die Arbeit untersucht, wie antifeministische Akteur*innen sozioökonomische Krisen über queere Grenzfiguren verhandeln und welche Rolle Queer- und Transfeindlichkeit dabei für antifeministische Diskurse und Mobilisierungen in Österreich spielt. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass antifeministische Angriffe als autoritär-regressive Formen der Krisenbearbeitung verstanden werden können. Analytisch werden „Moral Panics“ um Drag bzw. „Drag Panics“ in den Blick genommen. Es wird danach gefragt, mit welchen gesellschaftlichen Bedrohungsszenarien queere Grenzfiguren verknüpft werden, wie über sie Konflikte um geschlechtliche und sexuelle Ordnungen, Demokratie und nationale Zugehörigkeit ausgetragen werden und welche diskursiven Grenzziehungen dabei entstehen. Methodisch verfolgt die Arbeit einen Mixed-Methods-Ansatz, bei dem eine Critical Frame Analysis mit politikwissenschaftlicher Akteurs- und Netzwerkanalyse kombiniert wird. So können Diskurskoalitionen sowie rhetorisch-strategische Muster antifeministischer Akteur*innen kartiert und visualisiert werden. Ziel ist es, die Funktion queerer Grenzfiguren als Kulminationspunkte antifeministischer und homo(trans)nationalistischer Mobilisierungen sowie ihre Einbettung in breitere gesellschaftliche Krisendynamiken herauszuarbeiten.
Die Digitalisierung des Alltags hat die Art und Weise, wie Informationen produziert, verbreitet und konsumiert werden, sowie die Interaktion der Menschen untereinander und mit ihrer Umgebung grundlegend verändert. Digitale (soziale) Medien haben sich zu einem zentralen Raum für politische Mobilisierung entwickelt, der es verschiedenen Akteuren ermöglicht, Botschaften zu verbreiten und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Rechtsextreme Bewegungen haben diese Plattformen jedoch instrumentalisiert, um Falschinformationen und ausgrenzende Narrative zu verbreiten, die sich gegen marginalisierte Gemeinschaften richten, darunter auch LGBTQAIN*-Personen. Dies führt zu Diskriminierungsmustern, die queeren Menschen erhebliche Hindernisse bei der Aushandlung ihrer Identität und der Erlangung von Zugehörigkeit auferlegen, insbesondere in Kontexten, die von zunehmenden Anti-Gender-Stimmungen geprägt sind. Diese Forschung untersucht die Beziehung zwischen digitalem LGBTQAIN*-Aktivismus und rechtsextremer digitaler Politik in Brasilien und Polen. Sie analysiert die digitalen Strategien, die LGBTQAIN*-Aktivist*innen anwenden, um Zugehörigkeit auszuhandeln und anti-LGBTQAIN*-Diskursen zu widerstehen, während sie gleichzeitig Gegennarrative konstruieren, die Inklusion und Vielfalt fördern.
In der Promotionsforschung beschäftigt sich Tarek Shukrallah mit queeren Politiken in Tunesien seit der Revolution 2010/11. Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei die Perspektiven von LSBTQ-Aktivist*innen in ihren politischen Praxen. Dabei hat das partizipative Forschungsprojekt zwei Foki. Zum einen werden die Analysen und daraus resultierenden Praxen von LSBTQ-Aktivist*innen in Tunesien im Umgang mit intersektionalen und postkolonialen (Herrschafts-)Verhältnissen in den Blick genommen. Daraus folgt, zum anderen, eine kritische Auseinandersetzung mit homonationalistischen, kolonialen sexualpolitischen Grenzziehungsprozessen, in der die Handlungsmacht queerer Akteur*innen in Tunesien Ausgangspunkt für kritische Theoriebildung ist.