Sozialistische Großfamilie. Transnationale literarische Verflechtungen im europäischen Ostblock
Gastvortrag von Prof. Dr. Paweł Zajas (Poznań/Pretoria)
- https://www.uni-giessen.de/de/ueber-uns/veranstaltungen/vortraege/sozialistische-grossfamilie-1
- Sozialistische Großfamilie. Transnationale literarische Verflechtungen im europäischen Ostblock
- 2024-07-16T18:00:00+02:00
- 2024-07-16T20:00:00+02:00
- Gastvortrag von Prof. Dr. Paweł Zajas (Poznań/Pretoria)
16.07.2024 von 18:00 bis 20:00 (Europe/Berlin / UTC200)
Phil. I, Haus E, Raum E 209
Trotz einer überwältigenden Fülle an Forschungsliteratur zum Literaturbetrieb der ost- und mitteleuropäischen Länder in der Periode 1945 bis 1989 wurden transnationale Dimensionen der Literaturzirkulation im europäischen Ostblock weitgehend ausgeblendet. Vielversprechend erscheint somit die Analyse der transnationalen Kontakte, wie sie sich über den ostblockinternen Kulturaustausch und die internationale Kulturpolitik der sozialistischen Staaten entwickelten. Welche Strukturen und Prozesse trieben die Transnationalisierung des verlegerischen und literarischen Feldes im europäischen Ostblock voran? Lassen sich spezifische Felder und institutionelle Akteure der Transnationalisierung identifizieren? Welche Rückwirkung hatten die Transnationalisierungsprozesse auf den Literatur- und Kulturbetrieb der einzelnen Länder?
Der Beitrag stellt exemplarisch die transnationale Funktion des DDR-Literaturbetriebs ins Zentrum der Untersuchung. Anhand der Archivalien zur Auslandsarbeit des Schriftstellerverbands der DDR wird zunächst gezeigt, wie im Hinblick auf die nach 1956 einsetzenden Prozesse der transnationalen Zusammenarbeit die Abgrenzungspolitik einen Grundvorgang darstellte. Sie fand in der DDR nicht nur gegenüber den „westlichen“ Kulturen und Literaturen statt, sondern wurde in der Periode 1958 bis 1965 auf den Transfer aus den anderen Ländern des Ostblocks, vor allem aus Polen, ausgedehnt. Zweitens wird demonstriert, dass der Kulturaustausch zwischen der DDR und den sozialistischen Partnern sich in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre relativ schnell von dem „Kahlschlag-Plenum“ zu erholen begann und die literarischen sowie verlegerischen Verflechtungszusammenhänge bestimmte Innovationen im Literaturbetrieb der DDR wie auch anderer sozialistischer Länder zur Folge hatten. Schließlich wird zu zeigen sein, wie die sich seit der Mitte der 1970er-Jahre intensivierende verlegerische Zusammenarbeit sozialistischer Verlage – die u. a. mit gemeinsamen multilateralen Editionsprojekten sowie einem koordinierten Transfer der Übersetzungsliteratur aus kapitalistischen und Entwicklungsländern resultierte – als direkte Folge der im Ostblock entfachten Polemik im Hinblick auf die Realisierung der Schlussakte von Helsinki zu deuten ist.