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Stress ist ansteckend

Wissenschaftlerteam der Universitäten Gießen und Wien zeigt, dass Menschen sich vor allem dann vom Stress anderer Menschen anstecken lassen, wenn die Betroffenen ein „Wir-Gefühl“ verbindet

Nr. 172 • 16. November 2020

Stress kann ansteckend sein. Wenn wir eine andere Person in einer stressigen Situation erleben, fühlen wir uns möglicherweise ebenfalls gestresst; unser Körper schüttet sogar Stresshormone aus. Lassen wir uns schneller vom Stress anderer Personen anstecken, wenn uns mit diesen ein „Wir-Gefühl“ – ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, Gemeinschaft und Gemeinsamkeit – verbindet? Ein Team von Psychologinnen und Psychologen der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und der Universität Wien hat dies überprüft. Erstautorin Valerie Schury, Prof. Dr. Jan Häusser (beide Abteilung Sozialpsychologie der JLU) und Urs M. Nater (Wien) haben ihre Forschungsergebnisse kürzlich unter dem Titel „The Social Curse: Evidence for a moderating effect of shared social identity on contagious stress reactions” („Der soziale Fluch: Nachweis eines mäßigenden Effekts einer gemeinsamen sozialen Identität auf ansteckende Stressreaktionen”) in der Fachzeitschrift Psychoneuroendocrinology veröffentlicht.

An der experimentellen Studie nahmen Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer in Kleingruppen von jeweils vier oder fünf Personen teil. Bei der Hälfte aller Kleingruppen wurde ein „Wir-Gefühl“ erzeugt: Die Teilnehmenden saßen gemeinsam an einem Tisch, wurden als Gruppe angesprochen, und die Beteiligten überlegten, was sie als Gruppe verbindet beziehungsweise was sie mit den anderen Probandinnen und Probanden gemeinsam haben. In der anderen Hälfte der Kleingruppen wurde kein solches „Wir-Gefühl“ erzeugt: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer saßen an Einzeltischen, wurden einzeln angesprochen und überlegten, was sie als Individuen auszeichnet und was sie von den anderen Teilnehmenden unterscheidet.

Im Anschluss wurde in jeder Kleingruppe zufällig eine Versuchsperson ausgelost, die allein eine sehr stressige Aufgabe zu bearbeiten hatte: Die ausgelosten Personen mussten in einem simulierten Bewerbungsgespräch mit zwei strengen Interviewern überzeugend darlegen, warum sie für eine fiktive Stelle besonders geeignet seien. Im zweiten Teil der Aufgabe hatten sie anspruchsvolle Kopfrechenaufgaben zu lösen. Die anderen Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer beobachteten diese Situation.

Während der Studie wurden bei den Probandinnen und Probanden mehrfach Speichelproben genommen, um diese später im Labor auf das Stresshormon Cortisol zu analysieren. „Wenn die Beobachterinnen und Beobachter Cortisol ausschütten, obwohl diese gar nicht unmittelbar gestresst wurden, lässt sich daraus schließen, dass sie mit Stress angesteckt worden sind“, erklärt Valerie Schury, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Sozialpsychologie. Dieses Phänomen ließ sich im Rahmen der Studie beobachten. „Es zeigte sich zudem, dass die beobachtenden Versuchsteilnehmenden signifikant häufiger das Stresshormon Cortisol ausschütteten, wenn zuvor ein ,Wir-Gefühl‘ mit der beobachteten Person erzeugt worden war. Wurde jedoch kein solches ,Wir-Gefühl‘ erzeugt, steckten sich nur wenige Beobachterinnen und Beobachter mit Stress an.“

In der Studie konnte das Wissenschaftlerteam zeigen, dass die Stressansteckung verstärkt wird, wenn innerhalb von kurzer Zeit ein „Wir-Gefühl“ zwischen Personen hergestellt werden konnte, die sich zuvor völlig fremd waren. Prof. Häusser, Leiter der Forschungsgruppe, ordnet die Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf eine engere Verbindung zwischen Personen ein: „Es ist davon auszugehen, dass Menschen sich sogar noch deutlich stärker mit Stress anstecken, wenn sie Personen beobachten, mit denen sie ein langfristiges und stärkeres ,Wir-Gefühl‘ verbindet, beispielsweise bei Familienmitgliedern oder Freundinnen und Freunden.“

  • Publikation

Schury, V. A., Nater, U. M., & Häusser, J. A. (2020). The Social Curse: Evidence for a moderating effect of shared social identity on contagious stress reactions. Psychoneuroendocrinology, 122.
DOI: 10.1016/j.psyneuen.2020.104896


  • Weitere Informationen

https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2020.104896

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