Fit für Europa: Ukrainische und deutsche Studierende prüfen EU-Kompatibilität des ukrainischen Strafrechts
Seminar zu Vermögensdelikten am Fachbereich Rechtswissenschaft der JLU in Kooperation mit westukrainischer Universität – Ergebnisse werden in Fachzeitschrift veröffentlicht
Nr. 110 • 24. Juli 2026
Der Weg der Ukraine in die Europäische Union führt auch über das Strafgesetzbuch. Im Fokus eines gemeinsamen Seminars zu Vermögensdelikten an der Professur für Strafrecht und Strafprozessrecht der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) stand im Sommersemester 2026 die Frage: Wie anpassungsfähig ist das ukrainische Strafrecht für den EU-Beitritt? Das rechtsvergleichende Lehrprojekt, das in Kooperation mit der Nationalen Jurij-Fedkowytsch-Universität Czernowitz, Westukraine, durchgeführt wurde, stieß auf großes Interesse. Trotz des Krieges in ihrem Land konnten zwölf ukrainische Studierende das englischsprachige Seminar erfolgreich mit einem Schein der JLU abschließen.
Die Seminarteilnehmenden untersuchten das Recht der Vermögensdelikte im Abgleich mit der sogenannten PIF-Richtlinie der EU, die den strafrechtlichen Schutz der finanziellen Interessen der Union – etwa bei Subventionsbetrug oder Korruption – regelt. „Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind so stark, dass diese nun in einer Fachzeitschrift publiziert werden können“, lobt Prof. Dr. Pierre Hauck, Initiator des Seminars und Inhaber der Professur für Strafrecht und Strafprozessrecht an der JLU: „Dies ist ein wichtiger Beitrag der Studierenden zu einem Zeitpunkt, an dem auch die EU-Kommission die juristische Harmonisierung der Ukraine evaluiert.“
Das Seminar habe eine faszinierende Dynamik offenbart, berichtet Prof. Hauck. Das digitale Angebot sei bei den Studierenden der ukrainischen Universität auf ein solch großes Interesse gestoßen, dass letztlich mehr ukrainische als deutsche Studierende teilnahmen. „Das immense Engagement der ukrainischen Seite hat einen handfesten Grund“, erklärt der Rechtswissenschaftler: „Die Ukraine muss ihr Rechtssystem für den EU-Beitritt harmonisieren. Unsere vergleichenden Analysen zeigen, dass das ukrainische Recht der Vermögensdelikte eine erstaunlich hohe Anpassungsfähigkeit an das EU-Recht besitzt.“
Für die ukrainischen Studierenden – darunter zwei junge Männer unter 25 Jahren, die nur deshalb am Seminar teilnehmen konnten, weil sie aktuell nicht zum Kriegsdienst eingezogen sind – bot das Format nicht nur akademische Perspektiven, sondern auch ein Stück Normalität und den direkten Anschluss an den europäischen Rechtsdiskurs. Wie hoch das wissenschaftliche Niveau der Studierenden trotz der Extrembedingungen im Heimatland war, zeigt der Erfolg des Projekts: Mehrere Seminararbeiten waren so exzellent, dass sie nun in einer strafrechtlichen Fachzeitschrift veröffentlicht werden sollen.
Damit liefert das Seminar wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse genau zur richtigen Zeit, da im Hintergrund auch die EU-Kommission das ukrainische Strafrecht auf dessen EU-Tauglichkeit prüfen lässt. „Die JLU positioniert sich mit diesem Projekt als wichtiger akademischer Partner im Transformationsprozess Osteuropas und setzt ein starkes Zeichen gelebter Solidarität“, ist Prof. Hauck überzeugt.
Weitere Informationen
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Kontakt
Prof. Dr. Pierre Hauck LL.M. (Sussex)
Professur für Strafrecht und Strafprozessrecht
Fachbereich 01 – Rechtswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen
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