Von Agnetheln bis Wurmloch, von Anonymus bis Zunftordnung
Germanistinnen erstellen Lexikon zur Deutschen Literatur des Mittelalters in Ungarn und Rumänien – DAAD fördert Zusammenarbeit der Universitäten Gießen und Klausenburg
Nr. 114 • 20. Juni 2014

- Gruppenbild mit Anonymus: Prof. Dr. Cora Dietl (li.) und ihre Mitarbeiterin Anna-Lena Liebermann in Budapest – Foto: Orsolya Lénárt
Nur noch ein paar letzte Korrekturen, dann darf das Ergebnis erfolgreicher Projektarbeit zum Verlag gehen: Unterstützt durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und flankiert durch die Partner der vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) finanzierten Partnerschaft der Institute für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg (Cluj-Napoca) haben die Gießener Germanistinnen Prof. Dr. Cora Dietl und ihre Mitarbeiterin Anna-Lena Liebermann mit Unterstützung von Mary-Jane Würker innerhalb von drei Jahren ein Lexikon der regionalen Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters – Band Ungarn/Rumänien erstellt.
„Literatur des Mittelalters? So etwas gibt es bei uns nicht. Unsere Vorfahren hatten keine Zeit für Liebeslieder.“ Eine solche Reaktion auf Prof. Dietls Anfrage nach mittelalterlichen Handschriften war kein Einzelfall. Viele begegneten dem Projekt mit Zweifeln. Kaum aber war das Konzept des Lexikons erklärt, das Räume der Schriftkultur ins Zentrum stellt und sich gerade nicht auf Höhenkammliteratur bzw. auf außerordentliche Autoren und ihr Oeuvre konzentriert, konnten die Gießener Germanistinnen einige Archivare und Bibliothekare in Siebenbürgen und in Ungarn ihre Schätze präsentieren sehen – kostbar illuminierte liturgische Handschriften ebenso wie unscheinbare Briefe und Predigtsammlungen.
Der jetzt vorgelegte Band ist Teil eines mindestens 15-bändigen Großprojekts, dessen Grundidee vor Jahren unter anderen von Prof. Dr. Jens Haustein (Jena) und Prof. Dr. Horst Brunner (Würzburg) entworfen worden war und das Prof. Dr. Christoph Fasbender (Chemnitz) 2008 als neues Gemeinschaftsprojekt der deutschen Mediävistik anstieß: Es ist ein Ortslexikon der deutschen Literatur des Mittelalters, das Räume und Institutionen der Literaturproduktion, -vervielfältigung und -rezeption beschreibt, unabhängig davon, ob die dort dokumentierten Werke überhaupt überliefert und ob sie in der deutschen Volkssprache oder von mit dem deutschen Kulturkreis verbundenen Verfassern in Latein verfasst sind. Höfe und Klöster, Schulen und Bibliotheken, Stadtkanzleien und Druckereien werden beschrieben – als Orte, an denen Einflüsse des deutschsprachigen Kulturkreises greifbar werden.
Im Band Ungarn/Rumänien wird nachgezeichnet, wie eng die Missionierung Ungarns unter Stephan I. zu Beginn des 11. Jahrhunderts an den bayerischen Kulturkreis angebunden war, wie viele Klöster in Ungarn aus Österreich besiedelt wurden, wie die im Hoch- und Spätmittelalter nach Siebenbürgen einwandernden „Sachsen“ die Gottesdienst- und Zunftordnungen aus der Heimat mitbrachten und abwandelten und welche Netzwerke die deutschen und italienischen Humanisten im östlichen Europa aufbauten.
Wenn in der Flut der pragmatischen Literatur hier und da eine Spur des Nibelungenlieds in Gran oder ein Preisgedicht Peter Suchenwirts in Plintenburg auftaucht, freut das all diejenigen, die einen traditionelleren „Literatur“-Begriff bevorzugen. Das Bearbeiterteam in Gießen, die Projektpartner in Budapest und Klausenburg/Cluj (Prof. Dr. András F. Balogh und sein Team) und die über die drei Länder verstreuten Autoren aber packte die Entdeckerlust gerade bei den unbekannten, sonst eher missachteten Texten, die sie im handschriftlichen Original oder in der Forschungsliteratur aufstöberten.
Etwa zeitgleich mit dem Band Ungarn/Rumänien werden der Band Sachsen (hg. von Chris-toph Fasbender) und der Band Tschechien (hg. von Jiri Černy) beim Verlag Walter de Gruyter erscheinen. Damit ist der Startschuss gegeben für die „kartographische Vermessung“ der mittelalterlichen Literatur.
- Weitere Informationen
www.coradietl.de
Lexikon der regionalen Literaturgeschichte des Mittelalters. Ungarn und Rumänien. Hg. von Cora Dietl, Anna-Lena Liebermann. Berlin: de Gruyter [geplant 2014].
- Kontakt
Prof. Dr. Cora Dietl
Institut für Germanistik der JLU Gießen
Otto-Behaghel-Straße 10 B, 35394 Gießen
Telefon: 0641/9929080; Fax: 0641/9929089
Pressestelle der Justus-Liebig-Universität Gießen, Telefon 0641 99-12041