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HOSTING ECOLOGIES OF ATTENTION Anliegen der Shedhalle Zürich im Wandel der Jahrzehnte – eine historiografische Spekulation. – Lucie Tuma (ongoing)

HOSTING ECOLOGIES OF ATTENTION“ Anliegen der Shedhalle Zürich im Wandel der Jahrzehnte – eine historiografische Spekulation. – Lucie Tuma 

Von: Lucie Tuma
Betreuung: Prof. Dr. Bojana Kunst (Erstgutachterin)

Ausgehend von diskursiven Verfahren der Theater- und Tanzwissenschaften zur Archivierung ephemerer Wissensformen (Diana Taylor) untersucht das Dissertationsprojekt, wie Fragen des Kanons auf institutionelle Erinnerung und Formen der Arbeitsorganisation im Kunstbereich übertragen werden können. Am Beispiel der Shedhalle Zürich, einem seit über 40 Jahren bestehenden, selbstorganisierten Kunstraum, geht das Vorhaben der Frage nach, wie institutionelle Erinnerung nicht nur durch archivbasierte, sondern auch durch verkörperte, affektive und relationale Praktiken geformt wird. Dabei fungiert der Begriff des Anliegens als konzeptuelle Leitlinie, über die hinweg sich in den vielfältigen Praktiken der letzten Jahrzehnte Kontinuitäten institutioneller Positionierungen und kuratorischer Strategien nachzeichnen lassen. Im Rückgriff auf Denise Ferreira da Silvas Konzept intra-struktureller Bedingungen – die unser Denken, Fühlen und Handeln durchdringen – werden Anliegen als solche Intrastrukturen verstanden: als unsichtbare, aber wirksame Orientierungen, die konkrete Praktiken formen und ermöglichen.

Die Arbeit versteht kuratorische und künstlerische Anliegen als Ausdruck und Träger immaterieller Wissensformen, die institutionelle Erinnerung aktiv mitgestalten. Dabei wird Erinnerung nicht als retrospektive Bewahrung, sondern als relationale, affektive und situativ verankerte Praxis konzeptualisiert. Formen immaterieller Arbeit wie Fürsorge, Freundschaft und Liebe, die häufig unter dem Radar offizieller Dokumentation bleiben, werden als intrastrukturelle Voraussetzungen kuratorischer Praxis verstanden und sichtbar gemacht. In der Auseinandersetzung mit Archivmaterialien, ‘oral histories’ und einzelnen Ausstellungsformaten analysiert die Studie, wie Kunsträume als Orte der Wissensproduktion operieren und möglicherweise institutionellen Wandel anstossen können. Ein Aspekt der Untersuchung widmet sich der Frage von Aufmerksamkeit und analysiert technologische Mittel sowie die (strategische) Nutzung von Medienkanälen in der Herstellung von Öffentlichkeiten in jeweils unterschiedlichen historischen Situationen.

Dem Vorhaben liegt die Frage nach epistemischer Gerechtigkeit zu Grunde (Fricker 2007; Medina 2013). Diese wirft auf, wie in Institutionen strukturell geregelt wird, wer als glaubwürdige Wissensquelle gilt, wessen Erfahrungen gehört, dokumentiert oder marginalisiert werden. Das Forschungsprojekt verknüpft diese theoretischen Perspektiven mit Konzepten aus der feministischen Epistemologie (Haraway) sowie der Infrastrukturforschung (Star, Berlant, Larkin), um zu analysieren, wie kuratorische Strategien soziale, ökonomische und erkenntnistheoretische Bedingungen über zeitliche Dimensionen hinweg zu rekonfigurieren vermögen. Es fragt danach, wie Institutionen wie die Shedhalle Zürich nicht nur kulturelle Inhalte hosten, sondern auch als Ecologies of Attentions (Citton) operieren können: als Räume, in denen ethisch-politische Werte verkörpert, Erinnerung neu verhandelt und Bedingungen von Kunst- und Wissensproduktion durch Mikropolitiken des Alltags umgestaltet werden.

Kurzbiografie:
Lucie Tuma ist in Zürich geboren und hat in Prag (CZ), Montpellier (F) und Giessen (D) Tanz, Choreografie und Angewandte Theaterwissenschaft studiert. Ihre Arbeiten kreisen um die Produktion von Tanz als zeit-basierter Skulptur in Zeiten, denen es an Zeit mangelt. Dabei entstehen Ökologien der Aufmerksamkeit in unterschiedlichen Formaten. So gibt und gab es etwa: megaloman angelegte Tanzperformances von mehreren Stunden Dauer, kurze Tänze für kleine Gruppen von Zuschauer*innen, Audiowalks, Musikalben, Ausstellungen und Bücher. Mit einem starken Fokus auf verkörperte Formen des Wissens engagiert sich für verschiedene Formate der Wissensgenerierung, in Probenprozessen oder in Ausstellungen, auf Spaziergängen, in Seminaren, Séancen, Workshops, Gesprächsreihen, Symposien und Salons - innerhalb und ausserhalb akademischer Institutionen. 2008 gründete sie zusammen mit Cecilie Ullerup Schmidt das Duo Chuck Morris als Auflösung einer individuellen Identität der Künstlerin und als Langzeitbeziehung auf die Dauer von 50 Jahren angelegt. 2017 tauchte ihr feministisches Science Fiction Alter Ego Amber Tardis auf und begleitet sie seither. Seit 2011 werden ihre Arbeiten von der Gessnerallee Zürich ko-produziert. 2015-2017 war sie bei Tanzhaus Zürich YAA! - Young Associated Artist, 2014 wurde ihr der jährliche Kulturpreis der Stadt Zürich für Choreografie und Performance verliehen, 2019 war sie Atelierstipendiatin des Kantons Zürich in Berlin, 2023 lebte sie drei Monate im Rahmen einer Rechercheresidenz von Pro Helvetia in Shanghai und Taipei, wo sie zu anzestralen Beziehungen & Trauerprozessen arbeitete. Seit 2020 ist sie Teil des kuratorischen Teams der Shedhalle Zürich und verantwortet einmal jährlich eine der Protozonen: Ausstellungen im Rahmen prozess-basierter Künste (Protozones 2020-2025). Ihre Arbeiten wurden in Deutschland, Dänemark, Schweden, Frankreich, Österreich, Hong Kong, Japan, Korea, Russland und in der Schweiz gezeigt. Seit 2010 lebt sie wieder in Zürich.