Inszenierungen der „amissio boni“
Die IG Materialität der Projektinitiative "Schau-Spiel", geleitet von Kirsten Dickhaut (Stuttgart) in Kooperation mit Cora Dietl (Gießen) organisiert einen eintägigen Online-Workshop zu Höllen- und Teufelsdarstellungen auf der Bühne der Frühen Neuzeit, bei dem vorab eingereichte Beiträge diskutiert werden.
- https://www.uni-giessen.de/de/ueber-uns/veranstaltungen/tagungen/hoellenworkshop
- Inszenierungen der „amissio boni“
- 2026-09-07T09:00:00+02:00
- 2026-09-07T17:30:00+02:00
- Die IG Materialität der Projektinitiative "Schau-Spiel", geleitet von Kirsten Dickhaut (Stuttgart) in Kooperation mit Cora Dietl (Gießen) organisiert einen eintägigen Online-Workshop zu Höllen- und Teufelsdarstellungen auf der Bühne der Frühen Neuzeit, bei dem vorab eingereichte Beiträge diskutiert werden.
07.09.2026 von 09:00 bis 17:30 (Europe/Berlin / UTC200)
Online. Bitte melden Sie sich an, um einen Link zu erhalten.
Prof. Dr. Kirsten Dickhaut (Stuttgart); Prof. Dr. Cora Dietl (Gießen)
mali enim nulla natura est; sed amissio boni mali nomen accepit.
„Das Böse besitzt nämlich keine Natur, sondern das Fehlen des Guten erhält den Namen des Bösen“.
Dies erklärt der Kirchenvater Augustinus in De Civitate Dei (XI,9), und dennoch haben christliche Bildkunst, Literatur und Dramatik des Mittelalters und der Frühe Neuzeit das Böse, den Teufel und die Hölle mit großem Aufwand immer wieder neu physisch dargestellt. Eine Absenz des Guten – oder, folgt man der in der Offenbarung des Johannes grundgelegten Vorstellung vom Engelssturz, ein materieloses verdammtes Sein – und den Ort, in dem dieses herrscht, die Hölle als immateriellen Ort der Gottesferne, wahrnehmbar darzustellen, stellt v.a. für ein multimodales Medium wie das Theater eine besondere Herausforderung dar. Die ansonsten durch bildreiche Sprache geprägte Bibel gibt kaum Hinweise für eine bildliche Vorstellung der Hölle oder des Bösen, nur kurz ist von Schwefel, Finsternis und Feuer die Rede, und so hat sich insbesondere das in der Schöpfungsgeschichte verwendete Bild, die Schlange, zum Teil überblendet mit dem Untier der Apokalypse, als Grundlage einer Vorstellung des Bösen durchgesetzt.
Das spätmittelalterliche geistliche Spiel markiert in der Regel die Hölle durch einen drachenkopfförmigen Höllenschlund, dem die Teufel als rußgeschwärzte Gestalten entweichen. Diese ikonographische Tradition hängt eng mit Vorstellungen der Besessenheit und des Exorzismus zusammen, die ebenfalls von Ein- und Ausfuhr der Teufel geprägt sind. Diese können freilich ihre Andersartigkeit, ihr Herausfallen aus der Schöpfungsordnung, auf noch andere Weise anzeigen: durch hässliche Kostüme und (Tier-)Masken, durch disharmonische, in der Lautstärke ungemäßigte Klangeffekte, durch unkoordi-nierte oder unmäßige Bewegungen, durch Licht- und Geruchseffekte. Andererseits kann die verführerische Kraft der Teufel auch gerade dadurch gezeigt werden, dass sie möglichst unauffällig gestaltet sind. Nach der Reformation war auch in protestantischen Ländern insbesondere wegen der ausgefeilten Teufelstheologie Luthers das Teufelsthema keineswegs verschwunden. Zwar wurden in lutherischen Regionen die geistlichen Spiele mittelalterlicher Machart durch andere Theaterformen ersetzt, die meist sehr aufwändig gestalteten und entsprechend kostbaren Höllenschlunde wurden aber zum Teil weiterhin verwendet: für protestantische Bibeldramen, aber auch für weltlicheSchauspiele und Opern. Spätestens seit Dantes Göttlicher Komödie war zudem auch das Interesse an Einblicken in die Innenräume der Hölle gewachsen, die zuweilen analog zu antiken Unterweltsdarstellungen gestaltet und, wo sich die Bühnenmöglichkeit boten, auf verschiedenste Weise auf die Bühne gebracht wurden.
Mit zunehmender Entwicklung der Theatermaschinen und der technischen Möglichkeiten für Theatereffekte in der Frühen Neuzeit lässt sich eine große Vielfalt von Höllen- und Teufelsdarstellungen in Theater, Ballett und Oper beobachten. Ihnen ist der Workshop des IG Materialität der Projektinitiative "Schau-Spiel" gewidmet. Er fragt, welche Einheit die Poetologie des frühneuzeitlichen Dramas und die materielle Praxis der Darstellung des Bösen bilden; wie die Wahl der Darstellungsmittel durch historische, theologische, räumliche oder institutionelle Bedingungen oder schlichtweg durch vorhandenes Material oder auch durch Lichtregie beeinflusst wird; welche Sinne bei der Darstellung dessen, der eigentlich immateriell gedacht sein sollte, mit welchen Materialien angesprochen werden – und zu welchem Zweck: aus Freude am technisch Machbaren und am Spektakel oder aus gezieltem Interesse am erschütternden Effekt?

Programm:
09:00-09:30 Begrüßung
(1) Höllenfahrt und Besuch aus der Hölle
09:30-10:00 Stefan Hulfeld: Buffoni in der Hölle. Überlegungen zu einer szenischen Höllenreise des Jahres 1515
10:00-10:30 Anna Wörsdörfer: Höllische Raumsemantik und die Dramaturgie des Dämonischen in Pierre Matthieus „La magicienne étrangère“ (1617)
10:45-11:15 Cora Dietl: Materialität der Hölle. "Special Effects" in Dionysius Kleins "Tragico-Comoedia von einer Hochnotwendigen Wallfahrt beedes in die Höll vnd in Himmel" (1620).
11:15-11:45 Kai Bremer: Biblische Könige aus der Hölle? Die Geister Sauls, Davids und Salomos im barocken Trauerspiel
(2) Höllenqual
12:00-12:30 Carlotta Posth: du grand enfer toujour puhant: Die Synästhesie der Hölle im Mystère Le Jugement de Dieu
12:30-13:00 Kirsten Dickhaut: Höllenangst: Korrespondenzsystem zwischen Hörbarem und Sichtbarem im frz. „Ballet de cour“
(3) Klangraum der Hölle
14:30-15:00 Michael Hanstein: vestes diabolicae und Feuerwerk. Höllenbewohner im Straßburger Schultheater um 1600 bei Naogeorg, Saurius und Brülow
15:00-15:30 Michael Klaper: Höllendarstellungen in der frühen Oper
15:45-17:00 Schlussdiskussion
Einreichung der Manuskripte bis spätestens 20.8.2026, damit alle die Beiträge lesen können. Die Vorträge werden nicht in voller Länge gehalten, sondern nur kurz zusammengefasst (ca. 7min) und anschließend diskutiert (ca. 30min).