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Verschwörung statt beschaulichem Biedermeier

Neue Publikation zur Geschichte der Universität Gießen erschienen – Dokumentation der Georg-Büchner-Ausstellung und Auswertung bislang unveröffentlichten Archivmaterials

Nr. 139 • 15. Juli 2015

Die Jahre 2012 und 2013 standen in Hessen ganz im Gedenken an den berühmten Schriftsteller und Revolutionär Georg Büchner. An den zahlreichen landesweiten Veranstaltungen beteiligte sich auch die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU), zu deren berühmtesten Studenten Büchner zählt, mit einem vielseitigen Programm. Im Mittelpunkt dieses Veranstaltungsreigens stand die vom Universitätsarchiv erarbeitete Ausstellung „Im Visier der Staatsgewalt. Die Universität Gießen als Zentrum von Revolution und Repression 1813 bis 1848“, die im Universitätshauptgebäude vom 1. November bis 13. Dezember 2013 gezeigt wurde. In Anknüpfung an diese Ausstellung ist nun eine von den beiden Kuratorinnen Dr. Eva-Marie Felschow, Leiterin des Universitätsarchivs, und der Historikerin Dr. Irene Häderle verfasste gleichnamige Veröffentlichung erschienen.

Als Auftakt dokumentiert der 260 Seiten umfassende Band die damalige Ausstellung, in der mit prägnanten Texten und zahlreichen Abbildungen die damalige Zeit des politischen Aufbruchs in Gießen und Oberhessen skizziert wird. Dabei wird deutlich, dass nicht nur der Verfasser des „Hessischen Landboten“, sondern Generationen von Studenten von Aufbruchsstimmung und dem Wunsch nach einem politischen Neuanfang inspiriert waren. Beleuchtet wird die vielschichtige Rolle der Universität Gießen, die einerseits verlängerter Arm der hessischen Obrigkeit und der Staatsgewalt des Deutschen Bundes und andererseits Hort oppositionellen Gedankenguts und revolutionärer Konspiration war.
 
Im zweiten Teil des Buches ergänzen und vertiefen die Autorinnen den mit der Ausstellung eröffneten Blick auf die Geschehnisse in den Jahrzehnten zwischen den Befreiungskriegen und der Revolution von 1848/49, indem sie bislang unveröffentlichtes Archivmaterial, das in der Ausstellung nicht gezeigt werden konnte, auswerten und den Leserinnen und Lesern zugänglich machen. In einem „Werkstattbericht“ von Dr. Irene Häderle werden die vielfachen Hinweise in Quellen und Primärliteratur auf die Beteiligung von Frauen an der oppositionellen Bewegung ausgewertet – ein Aspekt, der in der bisherigen Forschung vor allem zu den unruhigen 1830er Jahren weitgehend unberücksichtigt geblieben ist. Es zeigt sich ein beeindruckendes Bild von der Vielfalt weiblichen politischen Handelns im Kontext der Oppositionsbewegungen in Oberhessen, der Freien Stadt Frankfurt und in Darmstadt. Hessische Frauen wirkten über Jahrzehnte aktiv in den oppositionellen Bewegungen der Zeit mit und übernahmen Verantwortung für ihre politischen Überzeugungen als „patriotische Fräulein“, Vereinsmitglieder, Schriftstellerinnen und Fluchthelferinnen.
 
Einen Großteil des Bandes nimmt eine Quellenedition von Dr. Eva-Marie Felschow ein, in der ausgewählte, bislang unveröffentlichte Quellentexte vorgestellt werden, die einen direkten Einblick in die Geschehnisse in Gießen und in das Handeln Gießener Universitätsmitglieder im Untersuchungszeitraum erlauben. Den Schwerpunkt bildet dabei die Edition der Briefe des Gießener Universitätsrichters Ludwig Trygophorus aus den Jahren 1835 bis 1847 an den Universitätskanzler und außerordentlichen Regierungsbevollmächtigten Justin von Linde. Die Briefe von Trygophorus lassen erkennen, welche Konflikte sich bei der Umsetzung der rigiden Disziplinarvorschriften infolge der „Karlsbader Beschlüsse“ zwischen dem Universitätsrichter als staatlichem Kontrollorgan und der Gießener Professoren- und Studentenschaft ergaben und welche Auswirkungen sie für das Selbstverständnis dieses Staatsdieners hatten. Zugleich vermitteln sie dem Leser einen unmittelbaren Eindruck vom Leben in der kleinen Universitätsstadt, den Händeln zwischen Bürgern und Studenten und dem studentischen Aufbegehren gegen die Obrigkeit. Gesehen wird das Ganze durch die Brille des meist empört berichtenden Universitätsrichters, wodurch aus der Literatur bekannte Ereignisse wie der Gießener „Karzersturm“ von 1839 oder der Auszug der Studenten nach Staufenberg im August 1846 neue, überraschende Facetten erhalten.
 
Der Band ist für 12,80 Euro im Gießener Buchhandel oder im Uni-Shop der Justus-Liebig-Universität Gießen (uni-shop@admin.uni-giessen.de oder 0641/99-12044 oder -12012) erhältlich.

  • Publikation

Eva-Marie Felschow, Irene Häderle: Im Visier der Staatsgewalt. Die Universität Gießen als Zentrum von Revolution und Repression 1813 bis 1848. Herausgegeben im Auftrag des Präsidenten der Justus-Liebig-Universität Gießen, Gießen 2015. 260 Seiten, 12,80 Euro,
ISBN 978-3-87707-961-4

Pressestelle der Justus-Liebig-Universität Gießen, Telefon 0641 99-12041