Gezielte Gentherapie für Lungenerkrankungen
Lungenforscherin Prof. Dr. Soni Savai Pullamsetti erhält einen ERC Proof of Concept zur Weiterentwicklung des Projekts TBX4-PRECIS für die klinische Anwendung
Nr. 99 • 30. Juni 2026
Chronische Atemwegserkrankungen gehören weltweit zu den größten Gesundheitsrisiken, doch die bisherigen Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Gentherapien besitzen ein enormes Potenzial – vorausgesetzt, ein zentrales Problem kann gelöst werden: Aktuelle Methoden verteilen genetische Wirkstoffe häufig im gesamten Körper, anstatt sie gezielt in das erkrankte Lungengewebe zu bringen. Dadurch können unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Die Gießener Lungenforscherin Prof. Dr. Soni Savai Pullamsetti, Professorin für Epigenetik der Lungengefäße an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und wissenschaftliche Koordinatorin für pulmonale Hypertonie am Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) sowie Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, hat gemeinsam mit ihrem Team eine neuartige Plattform entwickelt, die genetische Wirkstoffe gezielt in das Lungengewebe bringt. Die Innovation TBX4-PRECIS entstand im Rahmen ihres ERC Consolidator Grants und wird nun mit einem Proof of Concept Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) gefördert. Diese renommierte und hochkompetitive Förderlinie unterstützt Forschende dabei, herausragende Forschungsergebnisse in Richtung Anwendung und Verwertung weiterzuentwickeln.
Das Herzstück von TBX4-PRECIS ist ein neuartiges System, das wie ein biologischer Adresscode wirkt. Es sorgt dafür, dass therapeutische Gene gezielt im Lungengewebe aktiviert werden und ihre Aktivität in anderen Organen möglichst gering bleibt. Erste Ergebnisse von Ex-vivo- und In-vivo-Studien bestätigen bereits die hohe Genauigkeit des Systems. In der nun kommenden Phase des Projekts wird die Technologie umfassend validiert. Das Ziel ist es, ihre Wirksamkeit, Sicherheit und Übertragbarkeit in präklinischen Modellen nachzuweisen und die Voraussetzungen für eine spätere klinische Translation sowie eine wirtschaftliche Verwertung zu schaffen.
Patent- und Vermarktungsplan
„Mit dem ERC Proof of Concept können wir die Ergebnisse unserer ERC-geförderten Grundlagenforschung gezielt in Richtung klinischer Anwendung und wirtschaftlicher Verwertung weiterentwickeln“, sagt Prof. Pullamsetti. „Unser Ziel ist es, eine Plattformtechnologie zu etablieren, die den Weg für eine neue Generation gezielter Gentherapien bei chronischen Lungenerkrankungen ebnet.“ Mit Unterstützung der TransMIT Gesellschaft für Technologietransfer mbH entwickelt das Forschungsteam eine Kommerzialisierungsstrategie für TBX4-PRECIS. Diese umfasst sowohl die Lizenzierung der Technologie an Industriepartner als auch die Vorbereitung einer möglichen Ausgründung (Start-up), um die Plattformtechnologie weiterzuentwickeln. Der weltweite Markt für Gentherapien zählt zu den dynamischsten Bereichen der Biomedizin und entwickelt sich zu einem Milliardenmarkt mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten.
„Durch die Verbindung von exzellenter Grundlagenforschung mit innovativer Anwendungsentwicklung hat TBX4-PRECIS das Potenzial, die Behandlung von Lungenerkrankungen zu revolutionieren – ein weiterer Beleg für die translationale Kompetenz der Gießener Lungenforschung“, so JLU-Präsidentin Prof. Dr. Katharina Lorenz. „Ich gratuliere Prof. Pullamsetti sehr herzlich zur Einwerbung des ersten ERC Proof of Concept für die JLU.“
ERC-Förderlinie Proof of Concept
Die ERC-Förderlinie Proof of Concept (PoC) ist eine Förderung, die zusätzlich zu den Hauptförderlinien des ERC (Starting, Consolidator, Advanced und Synergy Grant) vergeben werden kann. Sie richtet sich somit ausschließlich an Forschende, die bereits einen ERC-Grant innehaben und ein Forschungsergebnis aus ihrem laufenden oder bereits abgeschlossenen Projekt über die Forschung hinaus weiter entwickeln möchten. Prof. Dr. Soni Savai Pullamsetti hatte 2019 einen ERC Consolidator Grant in Höhe von rund zwei Millionen Euro zur Untersuchung der molekularen Grundlagen des Lungenhochdrucks erhalten.
Der Proof of Concept fördert keine Grundlagenforschung, sondern dient dazu, das kommerzielle oder gesellschaftliche Potenzial der Ergebnisse eines laufenden oder kürzlich abgeschlossenen ERC-Projekts zu erkunden – der erste Schritt zum Transfer in Richtung Markt und Gesellschaft. ERC Proof of Concepts sind mit 150.000 dotiert.
Kontakt
Prof. Dr. Soni Savai Pullamsetti
Justus-Liebig-Universität Gießen
Center for Infection and Genomics of the Lung (CIGL)
Telefon: 0641 99-36452
E-Mail: soni.savai
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