Die Vermessung unseres ästhetischen Empfindens
JLU beteiligt an EU-gefördertem Doktorandennetzwerk WILD-MAIDN zur Materialwahrnehmung – Impulse für Design und moderne Fertigung
Nr. 104 • 8. Juli 2026
Ob in der ästhetischen Zahnmedizin, bei Designobjekten oder in der Industrie: Die visuelle Erscheinung eines Materials – sein Glanz, seine Farbe, seine Transparenz und seine Textur – entscheidet über dessen Wert und Akzeptanz. Doch wie unterscheiden wir, ob zwei Oberflächen gleich aussehen? Warum wirkt ein 3D-gedrucktes Bauteil manchmal „falsch“, obwohl die physikalischen Messwerte stimmen? Dies untersuchen Forschende der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) im neuen, von der Europäischen Union geförderten Doktorandennetzwerk WILD-MAIDN („Why does It Look Different? – Material Appearance International Doctoral Network“). Das Projekt widmet sich der Verbindung von Materialphysik und menschlicher Materialwahrnehmung. Die EU fördert das Projekt im Rahmen der „Marie Skłodowska-Curie Actions“ (MSCA) mit insgesamt rund 4,8 Millionen Euro, von denen auf die JLU rund 580.000 Euro entfallen.
Obwohl das menschliche Auge sehr empfindlich auf die Qualität von Materialoberflächen reagiert, fehlt es an einer objektiven Methode, um diese Wahrnehmung messbar zu machen. Während die Physik des Lichttransports durch Materialien gut bekannt ist, wissen wir kaum etwas darüber, warum unser Gehirn zwei Materialien als gleich oder unterschiedlich wahrnimmt. Das bremst die Weiterentwicklung im Bereich des ästhetischen Designs und der modernen Fertigung aus. Dies gilt insbesondere für komplexe Designs, die visuelle Attribute – Farbe, Glanz, Transluzenz, Textur – und haptische Eigenschaften wie Weichheit oder Rauheit aufweisen, die durch neue Fertigungstechnologien wie den Multimaterial-3D-Druck ermöglicht werden.
Die subjektive Komponente der Qualität
Aktuelle Qualitätskontrollen beruhen meist auf der subjektiven Einschätzung durch Menschen, was zu Schwankungen und Fehlern führt. „Um eine präzise, automatisierte Produktion zu ermöglichen – etwa bei ästhetischen Produkten wie Zahnersatz –, benötigen wir objektive Messgrößen“, erläutert der JLU-Wahrnehmungsforscher Prof. Dr. Roland W. Fleming, Sprecher des Exzellenzclusters TAM – The Adaptive Mind, der das MSCA Doctoral Network eingeworben hat. „Im Projekt WILD-MAIDN entwickeln wir diese Metriken.“ Dadurch können sowohl die Qualitätskontrolle als auch KI-gestützte Designprozesse künftig so gesteuert werden, dass sie exakt dem menschlichen ästhetischen Empfinden entsprechen. „Nicht zuletzt soll unsere Forschung die dezentrale Produktion hochwertiger, maßgeschneiderter Teile ermöglichen und damit die Abhängigkeit von Lieferketten sowie den Energieverbrauch reduzieren“, so Prof. Fleming.
Das Netzwerk WILD-MAIDN wird von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens in Trondheim koordiniert. Beteiligt sind Partnerorganisationen sowie assoziierte Partner aus der Wirtschaft aus Deutschland, Dänemark, Schweden, Spanien, Frankreich und Großbritannien.
MSCA Doctoral Networks
Die von der EU geförderten Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA) unterstützen wissenschaftlich exzellente Forschungsvorhaben und die Zusammenarbeit zwischen Ländern, Sektoren und Forschungsbereichen, um europäische Forschende zu stärken und die Attraktivität Europas für Forschende zu steigern. MSCA Doctoral Networks fördern die Karriereperspektiven von Doktorandinnen und Doktoranden durch strukturierte Forschungsausbildung in Netzwerken von Einrichtungen.
Kontakt
Prof. Dr. Roland W. Fleming
Abteilung Allgemeine Psychologie
Telefon: 0641 99-26140
E-Mail: roland.w.fleming
Presse, Kommunikation und Marketing • Justus-Liebig-Universität Gießen • pressestelle