Einführung
Im jüngsten HessenTrend geben 81% der Befragten an, dass bei der Kommunalwahl die Aussagen der Parteien zu Sachfragen wahlentscheidend sind. Insofern sind die Ziele und Standpunkte, die Parteien in ihren Wahlprogrammen präsentieren, durchaus wichtig. Dennoch lesen vermutlich die wenigsten Wähler alle Programme systematisch durch. Viele Parteien bieten deshalb an ihren Ständen und auf ihren Webseiten auch Kurzprogramme oder 10-Punkte-Pläne an, die den Wählern eine schnelle Orientierung ermöglichen. In jüngster Zeit haben Forscher und Bildungseinrichtungen außerdem einen neuen Weg entwickelt, um die Botschaften der Wahlprogramme aufzubereiten: Sie nutzen Künstliche Intelligenz, um die Botschaften der Wahlprogramme in Bilder zu transformieren. Auch wenn diese durch sogenannte generative Künstliche Intelligenz (KI) erzeugten Bilder die Details der Programme nicht wiedergeben können, so ermöglichen sie eine neue visuelle Erfahrung. Es entstehen fiktive Bilder, wie einzelne Parteien die Stadt der Zukunft gestalten wollen würden und wie sie das städtische Leben imaginieren. Insofern sind das keine realistischen Abbildungen von Gießen oder Prognosen. Vielmehr handelt es sich um stadtpolitische KI-Visionen, die mögliche Entwicklungen skizzieren und ästhetisieren.
In der Stadt Gießen treten zwölf Parteien zur Wahl an. Die textliche Qualität dieser Wahlprogramme ist unterschiedlich. Manche Programme sind ausformuliert und detailreich, andere sind knappgehalten und begrenzen sich auf wenige Schwerpunkte. Dies hat entsprechende Auswirkungen auf die Bilder, die die KI erstellt. Die verwendeten Wahlprogramme wurden durch Gemini 3.1 Pro einzeln ausgewertet und in Form selbstreferenzieller Prompts als Bilder generiert. Um die KI nicht zu beeinflussen, durchlief jedes Bild den gleichen Prozess, mit dem jeweiligen Wahlprogramm als alleiniger Input. Da die KI die Wahlprogramme nicht inhaltlich versteht, werden in der Bildumsetzung einzelne inhaltliche Schwerpunkte der Wahlprogramme überzeichnet. Mit diesen Bildern ist insofern keinerlei Wahlempfehlung verbunden. Selbstverständlich ersetzen sie auch nicht die persönliche Auseinandersetzung mit den Wahlprogrammen, denn bei der Transformation vom Text zum Bild kommt es zwangsläufig zu Vereinfachungen. Zudem lassen sich nicht alle Schwerpunkte der Wahlprogramme bildlich darstellen.
Aufmerksame Leser entwickeln bei der Lektüre von Wahlprogrammen eigene Vorstellungen. Doch diese inneren Bilder bleiben für andere verborgen. In dieser neuen öffentlichen Bildhaftigkeit liegt eine besondere Chance für die Vermittlung politischer Inhalte. Diese KI-Bilder ermöglichen dem Betrachter ein Bilderleben, das zu Perspektivwechseln einlädt, Assoziationen weckt und Emotionen auslöst. Diese spielerischen Experimente können als Orientierungshilfe dienen und im besten Fall als Anregung zur politischen Debatte genutzt werden.