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Polesien – mehr als „Bloodlands“ und Tschernobyl-Zone

Region Polesien im Fokus eines Forschungsprojekts zur Raum- und Umweltgeschichte Osteuropas

– Kooperation von Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung und den Universitäten Gießen und Siegen

Gemeinsame Pressemitteilung des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung, der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Universität Siegen

Nr. 37 • 6. März 2015

Polesien
Interventionslandschaft Polesien: Überschwemmungsgebiet des Flusses Styr beim Kernkraftwerk Rivne, Kuznecovsk (Ukraine). Foto: Roman Kondrak

Polesien ist eine Region im polnisch-weißrussisch-ukrainischen Grenzgebiet, eine der letzten großen Sumpflandschaften in Europa. Hier fanden im 20. Jahrhundert  gewaltige Transformationen von Landschaft und Lebenswelten statt – menschliche Interventionen in Form von Raumnutzung, Herrschaftsausübung und Installierung neuer Technologien.
Diese Region steht im Mittelpunkt des Forschungsprojekts „Polesien als Interventionslandschaft. Raum, Herrschaft, Technologie und Ökologie an der europäischen Peripherie 1915-2015“. Das Projekt ist eine Kooperation des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft in Marburg (Dr. Anna Veronika Wendland, Hauptantragstellerin), der Justus-Liebig-Universität Gießen (Prof. Dr. Thomas Bohn, Professur für Osteuropäische Geschichte) sowie der Universität Siegen (Prof. Dr. Claudia Kraft, Professur für Europäische Zeitgeschichte seit 1945). Die Leibniz-Gemeinschaft fördert das Projekt mit einer Gesamtsumme von 800.000 Euro aus Mitteln des Wettbewerbsverfahrens des Senatsausschusses Wissenschaft.

In der Region Polesien gab es kriegerische und zum Teil genozidale Interventionen während der beiden Weltkriege, umfassende Zentralisierungs- und Modernisierungskampagnen in den jeweiligen Nachkriegsregimen, Breschnews Meliorationsprogramm und den Bau großer Kernkraftwerkskomplexe – einer davon, Tschernobyl, ist zu einem globalen Katastrophen-Symbolort geworden. Das Ziel des Projekts ist eine raumsensible Geschichte Osteuropas in der Moderne, die sich nicht in der Beschreibung der Region als Gewalt- bzw. Katastrophenraum zwischen „Bloodlands“ und Tschernobyl-Zone erschöpft. Vielmehr soll die Intervention als Prozess begriffen werden, in dem die historischen Akteurinnen und Akteure nicht nur Leidenserfahrungen machten, sondern auch Strategien der Aneignung, des Unterlaufens und Profitierens entwickelten.

In drei Teilprojekten beschäftigen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Herrschaftspraktiken und Verwaltungshandeln im Zeitalter der Weltkriege von 1915 bis 1945 (Universität Siegen), mit der Trockenlegung der Sümpfe und dem Aussterben der Dörfer im weißrussischen Polesien von 1965 bis 2015 (Justus-Liebig-Universität Gießen) sowie mit dem ukrainischen Polesien als Nuklearlandschaft von 1965 bis 2015 (Herder-Institut, Marburg).

Neben den drei Teilstudien, in denen auch mit Zeitzeugeninterviews gearbeitet werden soll, wird zum innovativen Konzept der „Interventionslandschaft“ geforscht. In einer transdisziplinären Diskussion und im Lichte der empirischen Befunde soll geprüft werden, inwieweit dieser Begriff der Komplexität der Mensch-Raum-Natur-Technik-Beziehungen im östlichen Europa gerechter wird als bisherige begriffliche Angebote.

Das Projekt beginnt am 1. Juli 2015.

  • Kontakt:



Justus-Liebig-Universität Gießen
Historisches Institut / Osteuropäische Geschichte
Otto-Behaghel-Straße 10, 35394 Gießen
Telefon: 0641 99-28250/-28251


Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft Gisonenweg 5-7, 35037 Marburg
Telefon: 06421 184-101/-121



Universität Siegen
Philosophische Fakultät
Professur für Europäische Zeitgeschichte seit 1945
Adolf-Reichwein-Straße 2, 57068 Siegen
Telefon: 0271 740-3263

 

Pressestelle der Justus-Liebig-Universität Gießen, Telefon 0641 99-12041

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