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Kinder der Krise – wie Namibia mit den AIDS-Waisen umgeht

 
DFG-Forschungsprojekt an der Universität Gießen untersucht die AIDS-Waisen-Krise und den Umgang mit Kindern im Südlichen Afrika

Nr. 151 • 5. Juli 2012

Die AIDS-Epidemie mit der daraus resultierenden AIDS-Waisen-Krise ist in Afrika ein entscheidender Faktor für gesellschaftliche Umbruchprozesse. Experten schätzen, dass gegenwärtig 15 Millionen Kinder und Jugendliche in Afrika einen Elternteil oder sogar beide Eltern durch AIDS verloren haben. Am Institut für Soziologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) widmet sich seit März 2012 ein dreiköpfiges Forscherteam der Frage nach den sozialen Folgen der AIDS-Waisen-Krise im Südlichen Afrika. Am Beispiel von Namibia wird der gesellschaftliche Umgang mit dieser Krise untersucht. Geleitet wird das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Projekt „Soziale Krisen und soziale Kräfte“ von dem Soziologen und Theologen Prof. Dr. Reimer Gronemeyer. Er forscht seit über vierzig Jahren in Afrika.

Bislang sind AIDS-Waisen meist von ihren erweiterten Großfamilien aufgenommen und versorgt worden. Durch die Vielzahl der Erkrankten, Verstorbenen und Verwaisten geraten die familialen Strukturen jedoch immer deutlicher an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Darüberhinaus werden die Familienzusammenhänge durch Modernisierungsprozesse wie Mobilität und Urbanisierung erschüttert.

Ziel des dreijährigen Projekts ist es, soziale Phänomene zu identifizieren und zu erforschen, die auf die AIDS-Waisen-Krise antworten. Dabei werden traditionell-familiale, administrative, projektorientierte, nachbarschaftliche und zivilgesellschaftlich orientierte Ansätze in den Blick genommen. „Ein besonderer Fokus liegt für uns auf den innovativen Potentialen, die aus der Krise entstehen können“, so Gronemeyer. Wir gehen davon aus, dass die zivilgesellschaftliche Herausforderung, die diese Krise bedeutet, auch neue soziale Kräfte, neue soziale Milieus und Unterstützungsnetze entstehen lässt.“

Im Kontext des Waisen-Themas beschäftigen sich die Sozialwissenschaftlerinnen und
-wissenschaftler auch mit afrikanischen Familienstrukturen und dem gesellschaftlichen Umgang mit Kindern in Namibia: „Wir denken, dass das sehr wichtig ist, um zu verstehen, was es bedeutet, in der namibischen Kultur ein Waisenkind zu sein“, erläutert Projektmitarbeiterin Dr. Michaela Fink. „Unsere Vorstellungen von den Problemen eines Waisenkindes in Afrika sind sehr von der eigenen Kultur geprägt und nicht ohne Weiteres auf afrikanische Lebenswelten übertragbar.“

Da in Namibia nicht massenhaft verstörte oder schlecht sozialisierte Kinder vorzufinden sind – wie man angesichts der dramatisch hohen Zahl an Waisen vermuten könnte –, gehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Frage nach, was im Umgang mit den Kindern dort anders ist. Mitarbeiterin Julia Erb sagt: „Afrikanische Kinder sind emotional und was ihre Versorgung betrifft weitaus weniger an ihre leiblichen Eltern gebunden als das bei uns der Fall ist.“ Ein namibisches Waisenkind könne durchaus ein ausgeprägtes Familienleben haben. „Wir wollen herausfinden was die Sorgen und Nöte von Waisenkindern aus namibischer Perspektive sind“, so Erb.

Dem Forscherteam kommen langjährige, intensive Kontakte nach Namibia zugute, die aus früheren Forschungsarbeiten von Gronemeyer resultieren, sowie aus der Tätigkeit des Vereins Pallium. Pallium e.V. ist aus einem früheren DFG-Forschungsprojekt zu HIV/AIDS im Südlichen Afrika hervorgegangen und unterstützt seit 2004 Hilfsprojekte für AIDS-Waisen in Namibia finanziell und durch Vermittlung von Praktikantinnen und Praktikanten.

  • Weitere Informationen

www.pallium-ev.com

  • Kontakt

Prof. Dr. Reimer Gronemeyer, Dr. Michaela Fink, Julia Erb M.A.
Institut für Soziologie
Karl-Glöckner-Straße 21 E, 35394 Gießen
Telefon: 0641 99-23204

 

Pressestelle der Justus-Liebig-Universität Gießen, Telefon 0641 99-12041

 

Das Forscherteam (v.l.): Prof. Dr. Reimer Gronemeyer, Dr. Michaela Fink und Julia Erb. Foto: Jonas Metzger
Das Forscherteam (v.l.): Prof. Dr. Reimer Gronemeyer, Dr. Michaela Fink und Julia Erb. Foto: Jonas Metzger