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Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre

Prof. Carsten Gansel, Germanist an der Universität Gießen, legt Neuerscheinung zur dramatischen Lebensgeschichte des beliebten Kinder- und Jugendbuchautors vor

Nr. 67 • 10. Mai 2022

Buchcover
Buchcover, Verlag Galiani Berlin, Mai 2022
Literarische Schätze, unveröffentlichte Manuskripte und die Geschichten hinter der Geschichte sind neben den zahlreichen wissenschaftlichen Büchern und Beiträgen eine Passion: Als Spurensucher und Manuskriptefinder hat sich der Gießener Germanist Prof. Dr. Carsten Gansel international einen Namen gemacht. Bei seinen intensiven Recherchen in russischen Militärarchiven war er unter anderem auch auf die Kriegsgefangenenakte von Otfried Preußler gestoßen. Da der renommierte Autor ihm lange bekannt war, war ein Anstoß für eine spannende biografische Spurensuche gegeben – diesmal auch im Privatarchiv Preußlers. Das Ergebnis dürfte nicht nur die Literaturszene, sondern auch alle begeisterten Leserinnen und Leser der Werke des beliebten Kinder- und Jugendbuchautors freuen: Am 9. Mai 2022 stellte Prof. Gansel in der Staatsbibliothek zu Berlin erstmals seine Neuerscheinung „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ vor.

Otfried Preußlers „Krabat“ ist eines der beliebtesten und meistgelesenen deutschen Jugendbücher – eine Geschichte über Macht, ihre Verlockungen und ihren Missbrauch. Dass der Autor darin eigene Erfahrungen vom Jugendlichen im nationalsozialistisch regierten Sudetenland, aus der Zeit des Krieges und der russischen Kriegsgefangenschaft verarbeitet, in der er literarische Texte unter extremen Bedingungen schreibt, wissen jedoch die wenigsten. Die frühen Jahre des großen Erzählers, der unmittelbar nach dem Abitur 1942 zur Wehrmacht eingezogen wurde, lagen weitgehend im Dunkeln. Prof. Gansel hat verschiedene dieser wichtigen Texte gefunden, wissenschaftlich eingeordnet und interpretiert.

Ein eigenes Romanprojekt zur Verarbeitung dieser teils traumatischen Jahre hatte Otfried Preußler begonnen, aber nicht beendet. In der Autobiographie „Verlorene Jahre?“, die bislang nicht bekannt war, findet er Wege, um von Krieg und Gefangenschaft zu erzählen. Fast parabelhaft, so heißt es in der Verlagsmitteilung, habe er seine Erfahrungen und Erkenntnisse in Kunst verwandelt. Preußlers Hauptwerk „Krabat“ ist, so die Selbstaussage des Autors, „meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken“.

Prof. Gansel entdeckte im Rahmen seiner Recherchen bislang unbekannte Dokumente, Texte und Fotos aus Kriegsgefangenenlagern und erhielt zudem die Gelegenheit, im Privatarchiv Otfried Preußler weitere Funde zu sichten und unveröffentlichte Texte Preußlers auszuwerten. Nun macht er Otfried Preußlers Erlebnisse in seinem neuen Buch „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ erstmals zusammenhängend einem größeren Publikum zugänglich.

Der Gießener Literaturwissenschaftler zeigt die prägende Rolle von Otfried Preußlers Vater Josef Syrowatka (der seinen Namen nach ausgeprägter Ahnenforschung zu Preußler änderte) und stellt dar, wie wichtig die Geschichten von Preußlers Großmutter Dora für das spätere Schreiben ihres Enkels wurden. Prof. Gansel geht zudem ein auf Otfried Preußlers 1942 erschienene erste Gedichte sowie dessen Jugendbuch „Erntelager Geyer“, dem von einigen Kritikern zu Unrecht ideologische Verklärung vorgeworfen wurde, wie der Literaturexperte nachweist.

Prof. Dr. Carsten Gansel, Jahrgang 1955, ist seit 1995 Professor für Neuere deutsche Literatur- und Germanistische Mediendidaktik an der JLU und beweist immer wieder einen besonderen literarischen Spürsinn. Im Jahr 2016 hat der Gießener Literaturwissenschaftler mit dem von ihm herausgegebenen Band „Durchbruch bei Stalingrad“ national und international für Furore gesorgt. Es war ihm gelungen, die 1949 vom russischen Geheimdienst konfiszierte Urfassung des großen Antikriegsromans von Heinrich Gerlach in russischen Archiven wiederzufinden.  Ein Jahr später gab er Heinrich Gerlachs „Odyssee in Rot“ heraus. Im Sommer 2016 erschien die Originalfassung des Weltbestsellers „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada mit einem ausführlichen Nachwort von Prof. Gansel. An der Entdeckung des Originalmanuskripts hatte der Gießener Literaturwissenschaftler maßgeblichen Anteil, gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Institut für Germanistik der JLU hatte er die handschriftliche Urfassung des Weltbestsellers entziffert. Schließlich spürte Prof. Gansel den verschollenen Gesellschaftsroman  „Wir selbst“ von Gerhard Sawatzky auf und machte das Epos im Frühjahr 2020 erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich.



  • Weitere Informationen

Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre, Verlag Galiani Berlin 2022, 560 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-86971-250-5, E-Book 24,99 Euro
(erschienen am 5. Mai 20229.)



  • Kontakt


Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Otto-Behaghel-Straße 10 B, 35394 Gießen
Telefon:  0641 99-29145; Fax: 0641 99-29129



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